Was trennt mich von anderen Kunstformen? Warum wurde ich kein Expressionist oder Informeller? Diese Fragen sind mir bis heute präsent geblieben...

Der Expressionismus liegt mir eigentlich vom Temperament her nahe, den wähle ich aber lieber nicht, weil ich selber sehr expressiv bin, mehr als mir lieb ist, manchmal. Diese Explosivität auch noch in Kunst umzusetzen würde mich umbringen. Da es so ausgezeichnete Zeugnisse von wunderbaren, expressiven Ergebnissen von künstleri-

scher Produktion, aber auch nicht selten Selbstzerstörung in der Kunstgeschichte, gibt, möchte ich eher für Zurückhaltung plädieren: Kunst ist nicht nur deshalb gut, weil sich einer mal ein Ohr abschnitt...

 

Warum lache ich (etwas) über die schier ewige informelle Malerei?

 

Weil es heutzutage die Kunstform der vom stressigen Alltag Beladenen ist: Im Alltag geht man seinen Geschäften nach, abends und in Ruhe agiert man sich aus vor der Leinwand oder anderen Materialien. Und ist sich gewiss, etwas grosses geschaffen zu haben in der riesigen Gemeinde von Millionen Menschen auf der Welt, die das Informel auch entdeckt haben oder noch entdecken werden...

Mir scheint das unübersehbare Feld von informelller Malerei - das selbe gilt für Tachis-mus oder Expressionismus -, ist dabei in den gesellschaftlichen Bereich der Kunstpäda-gogik und Terapie mehr und mehr überzugehen. Denn, das Kunst die Psyche beein-flussen oder gar "heilen" kann, ist unbestritten. Aber das kann natürlich nicht ihre einzigste Funktion in der Gesellschaft sein...     

 

Bei einer in der Pfalzgalerie in Kaiserslautern vorgestellten, sehr guten informellen Malerin, fragte ich sie bei der Diskussion in einer größeren Runde, ob sie eigentlich bei der erdrückenden historischen Dokumentation von informellen Kunst seit den 50iger Jahren des 20.Jahrhunderts überhaupt noch Lust haben könne, diesem ausdifferen-zierten Kunststil noch etwas eigenes hinzufügen zu wollen? Sie antwortete ignorant, wie KünstlerInnen offensichtlich sein müssen, um zu überleben im Lebenskampf: "So? Gab es noch andere vor mir? Dann bin ich ja nicht alleine..."Sie freue sich über jeden, der ihre Auffassungen teile oder geteilt habe. Und alle lachten, ob ihrer Schlagfertigkeit.  

Offensichtlich erwartet man von KünstlerInnen heutzutage, dass sie keine Ahnung haben und das stolz kund tun dürfen. Es gab Zeiten, da wäre sie deshalb ausgebuht worden. Ich lachte auch versöhnlich und wusste, dass sie blufft. Sie ist wirklich eine klasse Künstlerin, die alles kann oder machen könnte. Aber sie wollte sich sehr wahr-scheinlich auch nicht auf eine historische Bewertung ihrer Kunstform einlassen, in die ich sie ganz ohne Zweifel zwingen wollte. Der Kunsthistoriker, der die Veranstaltung leitete, sagte ironisch, dieses Statement der Künstlerin sei eben schon ein Ausweis ihres Selbstbewusstseins als Künstlerin. Naja, so kann man es auch sehen...   

 

 

Hier werde ich unsystematisch und rein zufällig nach meinem Gusto auf andere künstlerische Positionen eingehen, die mir interessant erscheinen:

 

In einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom 1.März 2017 berichtet Ingeborg Ruthe über eine Ausstellung der New Yorker Künstlerin Adrian Piper, die in Berlin lebt und die für die interaktive Arbeit, die rezensiert wird, auf der Kunst - Bienale Venedig 2015 den Goldenen Löwen erhielt.

 

Die Installation ist in Berlin im Hamburger Bahnhof bis 3. September 2017 zu sehen, bzw. dort kann man mit ihr "interagieren". Auf die näheren Ausführungen der Rezensentin möchte ich hier nur verweisen. Es geht darum, dass man als RezipientIn gewissermassen in einen Vertrag einwilligt, der diese zu ethischen Prämissen verpflichtet: Ehrlichkeit, Unbestechlichkeit, schliesslich Verbindlichkeit. Es geht um das, wie Ruthe in einer Überschrift sagt, grosse "Feld des guten bis erträglichen Mitei-nanders. Und deren Kunst verlangt Regeln. Und Vertrauen. Grundlagen jedes Bundes, Teams, jeder Partnerschaft, jeder gesellschaftlichen oder privaten Transaktion, die friedlich, planmässig, erfolgreich sein soll. Steige ich in ein Flugzeug, eine Bahn, ein Taxi, ziehe ich in eine Wohnung, betrete ich eine Behörde, brauche ich Vertrauen. Vertraue ich jemandem etwas an oder esse oder trinke ich, was ich kaufe - dann brauche ich: Vertrauen. Vertrauen ist die kleinste Art von Mut. " Das lehre sie Adrian Piper in ihrer, wie sie sagt "karger" Installation. Und beschreibt in der Folge, was dann RezipientInnen tun sollen und mit was sie rechnen können im Kontext des Vertrauens. Soweit so gut und Ingeborg Ruthe geht zum Schluss noch auf die drei Wandtexte ein: "Ich werde immer zu teuer sein, um gekauft zu werden (...) Ich werde immer meinen was ich sage. (...) Ich werde immer das tun, was ich sage." Für Adrian Piper sei das Medizin gegen Angst und Misstrauen, schliesst die Rezensentin.

 

Ich meine: Da ist viel dran. Und das Konzept ist gewiss sympathisch. Ohne Vertrauen geht nichts im Leben. Das wissen wir intuitiv. Doch fundamentaler als dieser "kleine Mut" ist gewiss die Entscheidung an sich, nämlich zu vertrauen oder nicht. Der eine tut es, der andere nicht. Jeder hat seine Gründe. Mehr oder weniger berechtigt. In Zeiten von "Fak-News" ist diese Frage berechtigter denn je, obwohl natürlich schon immer gelogen wurde, wie wir wissen. Ja, die "Lüge" ist gewissermassen ein biologisches Prinzip durch viele Varianten der Mimikry, nicht zuletzt ist Täuschung und Lüge ein militärisches Prinzip. Auch im Alltag unaufgebbar. Wer sich nicht traut eine Notlüge zu gebrauchen ist verloren. Daraus kann man natürlich Kunst machen, in dem man Ethik dogmatisiert, um einem die Widersprüche in der man lebt, bewusst zu machen. "Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es". Wie wahr. Was bleibt? Ich meine, die fundamentale Erkenntnis, dass wir entscheiden müssen, so oder so, ob wir wollen oder nicht. Weil auch keine Entscheidung eine Entscheidung ist. Aus dieser Ambivalenz kann uns nichts und niemand erlösen...selbst wenn unser Impuls unbewusst ist, tun wir ihn...besser im Sinne von Adrian Piper als nicht.  

 

Norbert Herrmann

03.03. 2017,

letzte Änderung:

29.September 2017