Während meines Studiums in Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Universität Heidelberg lernte ich u.a. eine wichtige Schrift des französischen, marxistisch orientierten Soziologen und Philosophen Henri Lefebvre kennen, der 1991 90igjährig starb, dessen Gedanken mich bis heute beeinflussen. Nicht zuletzt in meiner Kunst. Den Ambivalenzbegriff habe ich von ihm. Seine "Kritik des Alltagslebens" wurde in vielen Seminaren Mitte/Ende der siebziger Jahre des 20.Jahrhunderts intensiv diskutiert und waren Grundlage für viele Diplomarbeiten, Promotionen, usw. Hier einige Auszüge:

 

Ambivalenzbegriff von Henri Lefebvre in „Kritik des Alltagslebens“, Bnd. 3, München 1975

 

Informationen:  https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Lefebvre https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Lefebvre

 

 

Das Erlebte und das Leben.

 

„Um den Begriff des „Erlebten“ dialektisch zu bestimmen, haben wir bereits ein Bild benutzt. Wir bezeichnen mit ihm eine Scharfeinstellung des Bewusstseins in der Praxis, ein Zentrum von Dichte und Wärme, wenn nicht von Klarheit. Diese Scharfeinstellung – Fokalisierung oder Lokalisierung – verlagert sich von Ort zu Ort. Sie wechselt die Ebenen und damit auch die Verschiebungen und Verzerrungen, die sich aus diesem Wechsel (aus den Entnivellierungen) ergeben. Das sogenannte persönliche oder individuelle Bewusstsein ist also keineswegs ein gegebenes Zentrum, ein fester Herd, eine geschlossene Sphäre. Es beleuchtet sogar sich selber verschieden, je nachdem als „je“ oder „moi“, als handelndes oder seiendes „ich“ (Hervorhebung von mir). Manchmal erscheint die physiologische oder biologische Ebene in Großaufnahme, dann wieder die höchst einmaligen Motivationen der subtilsten Wünsche.“

(Seite 45)

 

 

Der Begriff des Möglichen (meine Formulierung)

 

„Jeder menschliche Akt, gleich ob kollektiv oder individuell, definiert sich als eine Wahl: eine Öffnung zum Möglichen, eine Option zwischen mehreren Möglichkeiten. Ohne Möglichkeit keine Tätigkeit, keine Wirklichkeit außer der toten in der Imitation des isolierten Dinges, das nur eine Möglichkeit hat: sich zu erhalten. Wenn wir die Kategorie der Möglichkeit miteinbeziehen (…), können wir an der Kategorie der gesellschaftlichen und menschlichen Wirklichkeit festhalten (…). Sie garantiert weiterhin die vertiefte Objektivität der Erkenntnis und vermeidet zugleich den oberflächlichen Objektivismus und die scheinbar tiefgründige Ontologie (…). Warum man das Wirkliche verändern soll? Weil es sich zwangsläufig sowieso verändert und weil die Erkenntnis, ausgehend vom Möglichen, dazu beitragen kann, dieser Veränderung Richtung zu geben, sie in den Griff zu bekommen (…). Das Mögliche, so sagen wir, erfordert eine Wahl und einen Akt, also eine Antwort mit ja oder nein. Angesichts des gegebenen „Realen“ mit seinen Problemen (seinen Widersprüchen) und angesichts der vorgeschlagenen Lösungen muss man sich früher oder später unzweideutig für eine entscheiden und entsprechend handeln (…). Ausarbeitungen dieser Art beziehen sich auf das Verhältnis von Möglichem und Wirklichem, insofern es eine Form entstehen lässt, die ihrerseits zum Wirklichen gehört, da sie ungeachtet ihres formalen Charakters etwas Wirkliches ist (…). Im Alltag und seiner ambivalenten Tiefe entstehen die Möglichkeiten, hier wird das Verhältnis von Gegenwart und Zukunft sichtbar (…). Wählen heißt, alle Möglichkeiten bis auf eine ausschließen. Optieren heißt so handeln, dass Unmögliches möglich und Mögliches unmöglich wird (…).

(Seite 23f)

 

Der Begriff des individuellen und gesellschaftlichen Bewusstseins (meine Formulierung)

 

Das Bewusstsein ist offenbar weder „real“ nach Art einer Substanz oder Sache, noch „irreal“ wie eine Widerspiegelung oder ein Epiphänomen, eine akzidentielle Verdoppelung der Sache. Die gesellschaftlichen Bewusstseine entstehen, wachsen, vergehen und sterben ab, ganz wie die individuellen Bewusstseine (von denen sie sich nicht trennen können) (Hervorhebung von mir). Das gesellschaftliche Dasein und das gesellschaftliche Bewusstsein haben (wie jedes Dasein und Bewusstsein) etwas transistorisches an sich. Sie kommen auf und gehen zu etwas anderem über. Jedes Bewusstsein leuchtet auf oder erlischt, verändert sich oder bleibt (niemals lange, auch wenn es in einem Werk verkörpert ist) (…). Es kommt auf mit der Möglichkeit einer praktischen Frage, die dem Wirklichen durch das Mögliche – und umgekehrt – gestellt wird. Zunächst Erscheinung oder Schein, verwandelt es sich zum Akt, d.h. zur Realität, sofern es das Problem löst. Eine seiner Bedingungen ist also die Erschütterung der fertigen und strukturierten „Realität“. Wir sagen (…): „Jedes Bewusstsein ist Bewusstsein eines Möglichen“, das ist es, was seine Schärfe, sein Glück und sein Unglück macht.“ (…) Das Bewusstsein entsteht aus Problemen, Widersprüchen und Konflikten, aus zugleich notwendigen und freien Optionen und Wahlen. Man muss zwischen mehreren Möglichkeiten wählen – das ist die Notwendigkeit. Man muss etwas riskieren, auf ein Ungewisses setzen, spielen – das ist Freiheit. Das Bewusstsein präsentiert sich mithin als spezifische aber nicht vorgegebene, nicht unmittelbare „Realität“. Das Bewusstsein von sich entsteht im Anderen, durch den Anderen. Es „ist“ und ist doch auch nicht. Es „ist“ Akt und Verhältnis, nicht Substanz; es „ist“ Konfrontation zwischen den Gegebenheiten der Probleme, Forderung nach einer Lösung und drängende Erwartung, Perspektive und Wahl zwischen den Möglichkeiten (und Unmöglichkeiten). Das Bewusstsein entsteht im Akt aus dem Werk und im Werk. Produzierend, produziert es sich selbst; es löst Probleme, die sich einschreiben in das, was es schafft.“

(Seite 25f)

 

Der Begriff des Zweideutigen (Hervorhebungen von mir)

 

„Außerhalb der kritischen Perioden (…) leben die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft im Modus der Zweideutigkeit (ambiguité). Sie umgehen die Probleme, die noch nicht dringlich geworden sind oder sich oder sich noch nicht einmal gestellt haben. Das Bewusstsein (…) sträubt sich gegen sie. Es begnügt sich mit einem Anschein von definitiver Stabilität; es verkrustet und kapselt sich ab, es wird geruhsame Realität und „Sein“, statt dem Möglichen nachzujagen und sich ihm zu verschreiben. Dabei verschwimmen die Dramen, und die Komödien im Detail überlagern die Tragik des Ganzen.“

(Seite 48)

 

„Das Reich der Zweideutigkeit ist auch das der Banalität im Alltag. Die Elemente des Erlebten und des Lebens scheinen immerzu auf dem Sprunge, sich voneinander zu trennen und jedes seiner Wege zu gehen: die Gruppen in der Gesellschaft, die Individuen in den Gruppen, die Verhaltensweisen in den Individuen.

Es ist nicht immer leicht, diese Ambiguität von der Ambivalenz zu unterscheiden. Wo Unterscheidung gefordert wird, neigen wir eher dazu, die Ambivalenz für die Psychologie zu reservieren, indes Ambiguität (Zweideutigkeit) eine soziologische Kategorie ist. Sie konstituiert sich als gelebte Situation auf erstickten, entschärften, als solchen nicht wahrgenommenen (verkannten) Widersprüchen. In der Ambivalenz beginnen das Problem und der entstehende Konflikt dem Bewusstsein des handelnden Individuums klar zu werden, so dass dieses, mit dem Rücken zur Wand, sich entscheiden muss (dies oder das, Liebe oder Hass, Knechtschaft oder Freiheit). Zuweilen hat es sogar schon gewählt, aber es gelingt ihm nicht, seine Option explizit und wirksam zu machen (…) Die Zweideutigkeit, eine komplexe Situation, die aber noch keine Schärfe enthält, umfasst mehrere virtuelle Polarisierungen. Die Ambivalenz enthält einen Konflikt, der sich zwischen Gefühlen, Personen oder Repräsentationen auftut.“

(Seite 49)

Der Sinn der Ambiguität liegt darin, dass sie zu einer Entscheidung führt, die sie negiert und entschleiert, die sie beendet und aufdeckt. Das Schwert der Entscheidung spaltet den kontinuierlichen Zeitfluss in ein vorher und ein nachher. Nun enthüllt sich die wahre Zeit, die vielfältige, die kontinuierliche und diskontinuierliche, die durch Weggabelungen markierte, mit Entscheidungen und Optionen gemessene Zeit.“

(Seite 55)

 

Norbert Herrmann

19.November 2015

 

 

Aus dem bemerkenswert faszinierenden Buch der Harvard-Professorin für Physik Lisa Randall mit dem Titel: "Dunkle Materie und Dinosaurier", 2016, D-60596 Frankfurt, sind folgende Zitate, die mich sehr beeindruckt haben:

 

"Es ist ein entscheidendes Merkmal des Universums - und auch unserer selbst - dass die gewöhnliche Materie im Gegensatz zu den Erwartungen der Standart-Thermo-dynamik noch vorhanden ist und in so großen Mengen überlebt hat, dass Tiere, Städte und Sterne entstehen konnten. Das war nur möglich, weil die Materie gegenüber der Antimaterie das Übergewicht hat - zwischen beiden besteht eine Asymmetrie. Wären die Mengen immer genau gleich gewesen, hätten Materie und Antimaterie einander gefunden und vernichtet - sie wären verschwunden (...). Was die Ursache für den Bruch der Symmetrie oder die Abweichung vom thermischen Gleichgewicht war, wissen wir nicht (...). Dennoch können wir mit gutem Grund davon ausgehen, dass irgendwann ein Prozess der Baryogenese einsetzte, durch den ein Überschuss an Materie im Vergleich zur Antimaterie - eine Materie-Antimaterie-Asymetrie - entstand. Ohne Baryogenese wären wir alle nicht mehr da, und niemand könnte auch nur diesen Teil der Geschichte erzählen." (S.318f) 

 

"Ich hatte das Glück, dass ich zu Tagungen mit führenden Köpfen der verschiedensten Fachgebiete eingeladen wurde - von Wirtschaft, Jura und Außenpolitik bis hin zu Künsten, Medien und natürlich Naturwissenschaften. Selbst wenn ich eine andere Perspektive einnehme als die übrigen Teilnehmer oder Vortragenden, sind die Gespräche stets eine Anregung zu neuen Gedanken über ein breites Spektrum wichtiger Themen. Die besten Fragen jedoch - insbesondere über meine Forschung - kommen nicht immer von Tagungsteilnehmern. Eine besonders erfreuliche Unterhaltung über Physik fand kürzlich kurz nach dem Ende einer Konferenz statt: Jake, der junge Fahrer, der mich zu dem örtlichen Flughafen in Montana brachte, überraschte mich mit seinem nachdenklichen Interesse.

Wenn Leute hören, dass ich Physikerin bin, fühlen sie sich häufig veranlasst, mir ihre Einstellung zu dem Fachgebiet mitzuteilen, ob es nun Liebe oder Hass, Faszination oder Verwirrung ist. Ich finde das ein wenig seltsam. Schließlich empfinden die meisten von uns auch nicht das Bedürfnis, einem Anwalt ihre Gedanken über das Fachgebiet der Jurisprundenz mitzuteilen (...). Jake erzählte mir, wie er vor einigen Jahren in seine Highschool in Oregon den Physikunterricht auf Collegeniveau genossen hatte und dass er nun erpicht darauf sei, noch mehr zu lernen (...). Wie ich ihm daraufhin erklärte, hat uns das 20.Jahrhundert beispielsweise gelehrt, dass Newtons Gesetze - die in unserer vertrauten Umgebung nach wie vor eine äußerst genaue Näherung darstellen - nicht mehr gelten, wenn man sie auf sehr hohe Geschwindigkeiten, sehr geringe Entfernungen oder ein Umfeld mit hoher Dichte anwendeten: In diesem Fall haben die Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie sowie die Quantenmechanik das Sagen." (S. 412f) Im Weiteren lobte sie die Lust von Jake, unkonfentionelle Fragen zu stellen, woraus sich ein interessantes Gespräch über die Frage von Zeitreisen, dem Verhältnis von allgemeinem Bewusstsein und wissenschaftlichem Fortschritt, sowie Ökologie entwickelte (ebda).

 

"Von Astronomen und Investoren im Asteroiden-Bergbau einmal abgesehen, interessieren sich die meisten Menschen für Meteoroiden, weil sie potentiell so große Folgen für das Lebendige haben können; in Wirklichkeit droht aber von diesen fliegenden Objekten nur eine recht geringe unmittelbare Gefahr. Meist befinden sich Asteroiden und Kometen in stabilen Umlaufbahnen, und diejenigen, die davon abweichen und die Erde treffen, sind in der Mehrzahl recht klein. Nur selten werden große Objekte so weit aus der Bahm geworfen, dass sie das Sonnensystem verlassen oder auf der Erde einschlagen (...).

In diesem Buch habe ich erläutert, mit welcher Indizienketten ein solcher Zusam-menhang stichhaltig nachgewiesen wurde, nämlich das Aussterben an der K-PG-Grenze vor 66 Millionen Jahren. In einem globalen Sinne sind wir alle die Nachkommen von Chicxulub. Das Ereignis ist Teil unserer Vergangenheit, und wir sollten uns darum bemühen, es zu verstehen. Wenn es tatsächlich stattgefunden hat, müsste man aus dem in diesem Buch präsentierten zusätzlichen Dreh, ableiten, dass dunkle Materie nicht nur für eine unwiderrufliche Veränderung unserer Welt gesorgt hat, sondern. dass ein Teil von ihr auch entscheidend mit dafür verantwortlich war, dass wir überhaupt existieren." (S.418f)

 

Norbert Herrmann

18.August 2016 

 

 

...Nicht zuletzt zum  Stilbegriff in der Kunst:

 

Aus dem Buch "Kunsthistorik, eine kritische Einführung in das Studium der Kunstgeschichte" von Herman Bauer, dritte Auflage 1989, München 1976, aus dem Kapitel 4. Der Mensch und die Kunstgeschichte:

 

Der Autor zitiert E.H. Gombrich, Kunst und Illusion. Zur Psychologie der bildlichen Darstellung, Köln 1967:

 

"Ähnlich wie jede Technik, setzt auch jeder Stil eine ganz besondere Einstellung voraus, kraft derer der Künstler sich jene Züge der ihn umgebenden Welt heraussucht, die er darstellen kann. Malen ist eine aktive Auseinandersetzung mit der Welt, und so wird der Künstler eher sehen was er malt, als malen, was er sieht." (Gombrich, ebda. S. 107) (...). "Wirklichkeit und Illusion sind die Pole, innerhalb deren sich "Kunst" ereignet, besser gesagt "Bilder" entstehen;" (...) die Vorstellung, dass irgendein Gemälde jemals an sich einen Sinneseindruck oder ein Gefühlserlebnis unmittelbar und direkt wiedergeben könne, halte ich nicht nur für falsch, sondern geradezu für eine Ketzerei. Denn Mitteilung von Mensch zu Mensch ist nur über Symbole möglich, das heißt, sie bedarf einer Sprache; je reichhaltiger, vielfältiger und flexibler eine Sprache ist, deren man sich bedient, desto größer ist die Aussicht, dass eine Verständigung zustande kommt." (Gombrich, ebda. S. 426) (...)

 

So liegt die Leistung der Wahrnehmungspsychologie in der Kunstgeschichtsschreibung in einer Begründung des Stilbegriffes durch Erklärungen innerhalb des Gefüges von Kunst, Ausdruck, Illusion. Aus "Kunstwollen" ist ein "Verhaltenswollen" geworden. (...)

"Erwartungen", geprägt von "Vorbildern", lassen Bilder entstehen. Die Bildfrage lässt sich hier einbeziehen und: "dass nämlich Bilder selbst zu den wichtigen Dingen gehören, die wir in Bildern sehen können oder darstellen wollen" (Gombrich, ebda. S.267). Die Folgerung: "Darstellung geht an dem Dargestellten nicht spurlos vorüber. Sie wirkt zurück und lehrt uns, von einer Lesart in die andere umzuschalten (ebda. S.269). Die kunsthistorische Wahrnehmungspsychologie hat hier ihr Aufgaben-zentrum: Sie bringt Welt und den Rezipienten in das "Kunstwerk" ein, die Mechanismen der Apperzeption können sichtbar und damit auch ein Teil einer Kunsterklärung werden. Bei Gombrich ist das Problem der Illusion ein Kunstprinzip, indem es als Suggestion (ebda. S. 209) im Bereich der Apperzeption wirkt. Die Stilfrage ist die nach der Wandlungs-fähigkeit in der Apperzeption. "Mehrdeutigkeiten" (Hervorhebung N.Herrmann), also die verschiedenartigsten Wirkungen der Gegenstände und der Einstellung dazu, erzeugen Stil. (Bauer, ebda., S.150f).

 

Hermann Bauer schließt sein sehr informatives Buch mit den Worten:

 

"Was heißt und zu welchem Ende studieren und betreiben wir Kunstgeschichtsschrei-bung? Die Frage ist leichtr gestellt und schwer zu beantworten. Nicht zuletzt deshalb, weil in ihren Gegenständen eine "monumentale Theologie" (F.Piper, Einleitung in die monumentale Theologie, Gotha 1867) vorliegt. Monumental meint hier die Erinnerung im Denkmal, das als Gemachtes, als Stiftung und als Werk überdauern will und "Zeit besitzt". Theologie heißt hier nicht mehr einfach die (christliche) Glaubenswahrheit, sondern die Möglichkeit der Transzendenz, etwas, was so nur durch das Monumentale sichtbar wird. Himmel und Erde gibt es nur in diesem Wechselspiel von Wirklichkeit und Einbildung, die durch die "Kunst" zu einem Gegenstand gemacht werden. Dazwischen bewegen wir uns in der Geschichte." (S.160)

 

Norbert Herrmann

13.September 2016

 

 

In der Aufzählung, welche Bücher mich im Zusammenhang meiner Kunst (und ansonsten) beeindruckt haben, darf natürlich Zygmund Bauman, der grosse englische Sozialphilosoph nicht fehlen, in seinem zentralen Werk "Moderne und Ambivalenz", 1992 in deutsch erschienen im Hamburger Institut für Sozialforschung. Zygmund Baumann starb hochbetagt im Januar 2017.

 

Seine zentrale These ist, so wie ich sie verstehe, dass der Moderne in ihrem Streben nach Ordnung ein den menschlichen Verhältnissen inhärente Tendenz nach Chaos ein Widerpart erwächst, den sie nicht unter Kontrolle bringen kann und deshalb ihr immer neue unkontrollierbare Widerstände erwachsen, die für dauernde Unruhe sorgen. Der Verlag schreibt auf der Rückseite des Buches "Der Anspruch der Moderne, den Menschen Klarheit, Transparenz und Ordnung zu bringen - eine durchschaubare Welt zu schaffen -, war von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil mit ihm die grundsätz-liche Ambivalenz der Welt und die Zufälligkeit unserer Existenz, unserer Gesellschaft und Kultur geleugnet wurde. Erst die Postmoderne verabschiedet sich von diesem Versprechen. War der Schlachtruf der Moderne "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", so war "Freiheit, Verschiedenheit, Toleranz" die Waffernstillstandsformel der Postmoderne. Und wenn Tolerenz in Solidarität umgewandelt wird, kann aus dem Waffenstillstand sogar Frieden werden."

 

Wie fragil diese Möglichkeit ist, können uns die Ereignisse der letzten über 25 Jahre, seit Erscheinen dieses Werkes, zeigen. Bauman zeigt darin, wie schon im Denken der Aufklärung eine eleminatorische Tendenz angelegt war, die sich in Holocaust und Gulag explosionsartig entwickelte und ich möchte hinzufügen, sich auch ohne industrielle Komponente bis in jüngste Zeit fortsetzte, Pol-Pot, Ruanda, von der Geisel des gegenwärtigen, weltweiten islamistischen Terrorismus ganz zu schweigen. Ich möchte ihm in fast allem zustimmen, doch in einer Kernaussage nicht. Er schreibt:

 

"Wir können sagen, dass die Existenz modern ist, sofern sie sich in Ordnung und Chaos spaltet. Die Existenz ist modern insoweit sie die Alteenative von Ordnung und Chaos enthält. (...) Wenn sie überhaupt angestrebt wird (...), wird Ordnung nicht als Ersatz für eine alternative Ordnung angestrebt. Der Kampf um Ordnung ist nicht ein Kampf der einen Definition gegen eine andere, einer Möglichkeit, Realität auszudrücken, gegen eine andere . (...) Ordnug ist ständig im Überlebenskampf begriffen. Das Andere der Ordnung ist nicht eine andere Ordnung. Die einzige Alternative ist das Chaos. (...) Das Andere ist die Ungewissheit, jener Urprung und Archetyp aller Furcht." (S.20)

 

Da ist viel Psychologisches der menschlichen "Natur", das Bauman anspricht, intuitiv eineuchtend. Doch ich glaube nicht, dass Ordnungen, die ins Wanken geraten und ins Chaos abgleiten, keine neuen Ordnungsvorstellungen mit sich bringen. Chaos ist geradezu eine Grundbedingung um Ordnung zu erzeugen. Insofern ist der Kampf gegen Ordnung auch immer die Keimzelle für eine alternative Ordnung. Das Chaos ist da eher ein - zweifellos kritisches! - Zwischenstadium. Viele Phänomene aus Biologie und anderen Bereichen der Wissenschaft stützen meine Überlegung. Prozesse der Natur streben nach Ordnungen und Selbstorganisation. Auch in Politik und Kultur sind Ordnungsvorstellungen kontrovers, ja mitunter feindlich, aber in jedem Falle nicht cha-otisch, sondern von alternativen Ordnungsvorstellungen geprägt. Was allenfalls chaotisch ist, sind die Folgen, wenn diese etwa gleichstarken Vorstellungen aufeinander treffen und sich bekämpfen. Demokratie z.B. ist der Versuch alternative Ordnungs-vorstellungen zu harmonisieren, was oft nicht gelingt und deshalb ist Demokratie - das hat schon die Antike gezeigt -, immer eine gefährdete Staatsform. Abr die Alternative ist kein Chaos, sondern Friedhofsruhe. Gewiss auch eine Ordnung, aber eine enorm explosive.

 

Norbert Herrmann

05.01.2017

 

 

Eine für mich wichtige Autorin, wichtiger als ihr Co-Partner fürs Leben - Jean Paul Sartre -, war für mich Simone de Beauvoir. Die folgenden Zitate entnahm ich dem tollen Buch von Sarah Bakewell Das Cafe`der Existentialisten, München 2016:

 

"In ihrem Essay Für eine Moral der Doppelsinnigkeit schrieb sie, der Zusammenhang zwischen unserem physischen Zwängen und unserem Ringen um Freiheit sei kein "Problem", das Lösungen erforderlich mache. Er sei vielmehr eine Bedingung des Lebens. Unser Menschsein sei ambivalent (Hervorhebung von mir) bis auf den Grund, und unsere Aufgabe bestehe darin zu lernen, mit der Veränderlichkeit und Unsicherheit unserer Existenz umzugehen, nicht sie zu leugnen.

     Sie fügte jedoch hinzu, wir sollten uns nicht wie Sisyphos unserem Schicksal wie einem kosmischen Strom überlassen, der einem mit sich reisst. Menschsein in seiner Ambivalenz (hervorhebung von mir) bedeute vielmehr den unermüdlichen Versuch, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. (...) Beauvoirs Ansicht nach ist der Existentia-lismus diejenige Philosophie, die uns dazu am besten befähigt, weil sie sich so grundlegend mit Freiheit und Kontingenz auseinandersetzt. (...) Simone de Beauvoirs Skizzierung dieser Gedanken in Für eine Moral des Doppelsinnigen ist für mich einer der interessantesten Versuche, die bizarre Häufung von Unwahrscheinlichkeiten zu beschreiben, die der Mensch ist. Mit diesem Aufsatz legt sie das Fundament für Das andere Geschlecht und für ihr gesamtes Romanwerk."

 

Sarah Bakewell

(Das Cafe`.....,

siehe oben, S.256f)

 

Hier darf Maurice Merleau-Ponty mit seinem Hauptwerk Phänomenologie der Wahr-nehmung nicht fehlen. Sarah Bakewell widmet ihm ein Kapitel "ganz für sich allein", nicht ohne Grund, sie schreibt:

"Merleau-Ponty hinterliess das wohl dauerhafteste Vermächtnis von allen, nicht zuletzt weil die moderne Disziplin der embodied cognition, des Embodiment, direkt an ihn anknüpfte: mit einem grundlegend leiblich verstandenen Kognitionsmodell, welches das Bewusstsein als holistisches, soziales und sensorisches Phänomen und nicht als eine Aufeinanderfolge abstrakter Prozesse untersucht. Merleau-Ponty wies der Philosophie eine neue Richtung, indem er ihren peripheren Forschungsbereichen - Körper, Wahrneh-mung, Kindheit, Sozialität, - die zentrale Bedeutung gab, die ihnen im realen Leben zukommt." (Das Cafe`....S. 367)

 

"Besonders stark beeinflusste ihn die Gestaltpsychologie, (Hervorhebung von mir) die die menschliche Wahrnehmung nicht in einzelne Sinnesreize zerstückelt, sondern als Ganzheit untersucht." (S. 261)

 

"Seine Sicht des menschlichen Lebens lässt sich am besten mit einem Zitat aus der Phänomenologie der Wahrnehmung zusammenfassen:

 

Ich bin als eine psychologische und geschichtliche Struktur. Mit meiner Existenz habe ich schon eine Weise zu existieren, einen Stil empfangen. All meine Tage und Gedanken haben einen Bezug zu dieser Struktur, und selbst das Denken des Philosophen ist nur eine Weise der Auslegung seines Anhalts an der Welt - das was er ist. Und doch, ich bin frei nicht trotz diesen Motiva-tionen oder ihnen zuvor, sondern vermittels ihrer. Denn dieses bedeutsame Leben, diese bestimmte Bedeutung von Natur und Geschichte, die ich bin, beschränkt nicht meinen Zugang zur Welt, ist vielmehr selbst mein Mittel, mit ihr zu kommunizieren. " (Das Cafè...S. 260, Hervorhebung von mir)"

 

Sarah Bakewell schreibt: "Das muss man zweimal lesen. Die Aspekte unserer Existenz, die uns beschränken, sagt Merleau-Ponty, sind die selben, die uns an die Welt binden und uns den Spielraum des Handelns und der Wahrnehmung geben. Sie machen uns zu dem, was wir sind. Sartre (Hervorhebung von mir) erkannte zwar die Notwendigkeit eines solchen Kompro-misses an, tat sich aber schwer damit ihn zu akzeptieren. (...) Auch Heidegger (ebda) erkannte Beschränkungen an, suchte aber dann in der Mythologisierung des Seins nach etwas Unbedingtem. Merleau-Ponty dagegen erkannte ruhig und gelassen, dass wir nur aufgrund eines Kompromisses mit der Welt existieren - und dass dies in Ordnung ist. Wir brauchen nicht dagegen anzukämpfen oder dieser Tatsache eine übertriebene Bedeutung beizumessen. Vielmehr gilt es zu beobachten  und zu verstehen, wie dieser Kompromiss funktioniert." (ebda.S. 260)

 

"Merleau-Ponty zufolge können wir die menschliche Wahrnehmung nur dann nachvoll-ziehen, wenn wir uns von der klassischen Psychologie verabschieden, die von einem abgekapselten und starren, von seinem Körper und von der Welt isolierten Ich ausgeht. In Wirklichkeit gelangen wir aus dem Mutterleib durch den Geburtskanal in eine Welt, in die wir gleichfalls völlig eintauchen. Dieses Eingetauchtsein dauert an solange wir leben (...).

Anders als für Sartre (ebda) in Das Sein und das Nichts ist für Merleau-Ponty das Bewusstsein kein vom Sein abgetrenntes "Nichts", ja nicht einmal eine "Lichtung" wie für Martin Heidegger (ebda). Merleau-Pontys Metapher für das Bewusstsein ist die "Falte": eine "Falte", die sich im Sein gebildet hat und auch wieder verschwinden kann. Wie bei einem Stück Stoff, das man einschlägt, um eine kleine Vertiefung oder Höhlung zu schaffen; die Falte bleibt erhalten, bis man den Stoff wieder glatt streicht.

    Diese Vorstellung des bewussten Ichs als provisorische Höhlung im Stoff der Welt hat etwas Verführerisches, ja Erotisches: Es gibt ein Refugium, einen Ort, an dem ich mich zurückziehen kann, aber ich bin zugleich Teil des Gewebes der Welt, und solange ich hier bin, bin ich aus diesem Stoff geformt." (Sarah Bakewell, Das Café.... S. 266)

 

Norbert Herrmann

3.Februar 2017