Uwe Tschense 1948 - 2010

Norbert Herrmann, Kohleskizze, 1968

Uwe Tschense war mein Schulfreund und wir gingen als 18/19jährige, als die Internationale Jugendbewegung der ganzen Welt 1967 auch an den verschla-fenen Toren von Ludwigshafen am Rhein mächtig rüttelte, zusammen auf große Tour. Der Anlass war, dass sein autori-tärer Vater ihn, den Erben des Orthopä-dieschuhmachergeschäftes, aus dem Haus warf, weil er sich nicht die Haare kurz schneiden lassen wollte...

     Unser Ziel waren die Niederlande, die damals - leider hat sich das heutzutage geändert - nicht nur in unseren Augen die liberalste Hoffnung Europas waren in Politik, Kultur und Alltag: Leute standen z.B. in Maastricht nicht selten vor den Fenstern der Häuser und schauten zu-sammen mit den Bewohnern Fernsehen und alle freuten sich, während bei uns noch die Vorhänge und Läden der Fenster dunkel und dicht verrammelt waren ( was sich auch geändert hat, - gottlob! ). Schwer lastete auf der Bevölkerung der BRD noch die Bürde des Krieges sowie der Verdrängung all der vielen Verbrechen, den Massenmorden an den Juden und all den anderen Ausgegrenzten Europas in der Nazizeit. Doch wir Jungen wollten frei sein, ohne das Vatum der Geschichte unserer Herkunft zu verleugnen. Und wir lauschten in Belgien und den Niederlanden betroffen den vielen, schrecklichen Erlebnissen von Opfern des Krieges oder deren Kindern unter der Nazidiktatur, und waren auch manchen persönlichen Anfeindungen als Deutsche ausgesetzt. Doch unsere jungen, meist gleichaltrigen holländischen oder belgischen FreundInnen, die wir überall kennenlernten, verteidigten und beschützten uns oft. Sie waren ebenso neugierig auf uns, wie wir auf sie. Und uns verband alle zusammen der unbedingte Wille und die Gewissheit der Jugend der damaligen Zeit, die Welt in einem freiheitlichen Sinne verändern zu können und zu wollen. Was uns auch halbwegs gelang. Heute stehen wir in Europa allerdings am Scheideweg...

 

     Mit Uwe Tschense zusammen sah ich zum erstenmal im Leben das Meer des Atlan-tiks in Den Haag. Wir weinten am Strand beim Sonnenuntergang vor Heimweh und wir tummelten uns später in Amsterdamm überall dort, wo sich halt junge Leute tummeln. Und so trafen wir zum erstenmal Pflastermaler aus aller Welt und sahen, was und wie sie es machten. Wir waren beide die Besten in unserer Schulklasse im Zeichnen und Malen. "Das können wir auch!", meinten wir übereinstimmend. Noch hatten wir etwas erspartes Geld, doch das ging zur Neige. Und wir hatten uns Prinzipien auf den Weg gegeben:

 

Erstens, nicht zu arbeiten, vorallem nicht in unseren erlernten Berufen. Damals gab es noch Arbeit genug. Doch wir wollten ja was neues machen im Leben...Zweitens, nicht zu heiraten, das verschoben wir auf später irgendwann, wenn überhaupt...Drittens, nicht kriminell zu werden. Die Gefahr war uns sehr bewusst on the Road. Was uns auch gelang...

     

In Hamburg setzten wir vor der Reeperbahn zum erstenmal unser Vorhaben des Pflas-termalens praktisch um. Das Geld war alle. Im Gegensatz zu den meisten der anderen PflastermalerInnen kopierten wir keine Renaissancekunst auf dem Pflaster, sondern schufen unsere eigenen Werke: Zum Beispiel einen riesengroßen Buddha, der phanta-sievoll aussah, etwa wie ein Zwischending zwischen Tschingis Khan und Methusalem oder einen Seemann in Ölzeug hinter dem Steuer, inmitten eines tosenden Meeres und andere Motive. Es waren immer eigene Entwürfe, die wir vorher heiß diskutierten. Auch die ersten abstrakten Malereien entstanden. Wichtig war uns natürlich, dass wir damit Geld verdienen konnten. Was uns damals reichlich beschieden war, denn in West-deutschland war die Pflasrermalerei damals noch weitgehend unbekannt. Oft wurden wir in der regionalen Presse in vielen Städten Schleswig-Holsteins angekündigt und meist wohlwollend ironisch und positiv kommentiert. Das lag auch daran, dass wir in Kiel, der Landeshauptstadt, es schafften uns vom Ordnungsamt eine offizielle Genehmi-gung ausstellen zu lassen und dieses Schreiben überall in kleineren Städten des Landes auf den Bürgermeisterämtern vorzeigten, - da wollten sich die Bürgermeister nicht lumpen lassen! So hatten wir im Sommer 1967 ein erstaunlich gutes Einkommen und brauchten uns über mangelnde Kontakte - vor allem zu hübschen Mädels - nicht zu beklagen. 

 

So kamen wir zur Kunst, bewarben uns 1969 mit guten Arbeiten an der Werkkunst-schule Mannheim, wurden genommen, und organisierten zusammen mit anderen auch bald eine Ausstellung in einer eigenen Galerie. "Werkstattgalerie" nannten wir das ehemalige Ladengeschäft, in das wir auch eine Siebdruckwerkstatt einrichteten. Die Presse kam und kommentierte freundlich...

     Leider trennten sich dann unsere Wege, obwohl ich Uwe gern mitgenommen hätte auf meinem weiteren Lebensweg. Ich wollte an die Universität, was ich auch, nach Abschluss des Designstudiums, dann in Heidelberg machte. Er wollte sein eigenes "Ding drehen", wie er sagte, verabschiedete sich weitgehend von der Bildenden Kunst und machte Sachen, was in Richtung Comedie ging. Einen Begriff, den man damals noch nicht kannte. Er schrieb Gedichte und Kurzgeschichten, die er handschriftlich in kleinen Broschüren gebunden in Szenekneipen gegen ein paar Bier verkaufte. Ich sah ihn öfters auf der Bühne und viele seiner Darbietungen waren auch wirklich sehr spassig. Als übrig gebliebenes Mitglied eines Kneipenkollektivs ging es ihm mit einer linken Szene-kneipe in Ludwigshafen offensichtlich wirklich finanziell auch längere Zeit gut. Doch das Lokal wurde ihm aus unerfindlichen Gründen geschlossen. Anzunehmen ist, dass der Verfassungsschutz dahinter steckte...Wer weiss. 

     

     Uwe Tschense war auch ein Promotor eines interessanten Events in Ludwigshafen, das sich "Avanti Diletanti" nannte, mehrere, große Veranstaltungen, die viele Besucher auch aus der Umgebung anzogen und wo vielen jungen Darstellern eine Bühne geboten wurde. Auch sah ich ihn oft in Einzelveranstaltungen, wo er mit einer Menge von Bier-flaschen am Pult wirklich originelle Darbietungen brachte, aber auch ausgiebig Flasche um Flasche leerte, was der Veranstaltung nicht immer gut tat. Aber er hatte seine Fans, die ihm das als etwas "Authentisches" nach sahen. Ich sah das kritischer. Aber mit Uwe war darüber nicht zu reden. Er war auf dem Höhepunkt seiner kreativen Schaffenskraft und der Alkohol war Teil davon.  

     So tingelte er in der Kurpfalz in Musik-und Bühnenkneipen umher und schrammte auf der Gitarre mit seiner unglaublichen "Giesskannenstimme" manch Sonderliches, etwa im Stile eines Boris Viants, herunter. Mein Lieblingslied hieß: "Mein Verhältnis mir vergällt ist", was er schon in jungen Jahren schrieb, es war die Ballade vom Abschied von einer einst geliebten Frau. Viele Frauen liebten Uwe Tschense (und er liebte sie), obwohl das vielen anderen Frauen rätselhaft war. Se´la Vie.  

     Eine originelle Veranstaltung von ihm ist mir besonders in Erinnerung, wo er eigene Gedichte, auf Fastnachtsrollen aufgeschrieben hat und zur Belustigung des Publikums mühsam in diffusem Licht entrollte und entzifferte, mit enorm parodistischem Geschick, das ihm großen Beifall einbrachte. Eine schöne Parabel auf das Mühsame in der Kunst, im Sinne von Karl Valentin. Da war er noch vollständig auf der Höhe seiner Veranstal-tungen und wir stritten anschließend bis in die Nacht, ob das nun Kunst sei oder nicht. Und weil er glaubte, dass das, was er machte, keine Kunst sei, ließ er auch keine Kritik gelten. Eine eigenartige, aber zwingende Logik, denn was keine Kunst ist, kann auch nicht kritisiert, sondern nur "hingenommen" werden, meinte er. Ich meinte dagegen, dass dies natürlich Kunst sei und gewiss auch verbesserungsfähig. Zu dem wusste man nie so recht bei ihm, mit wem man redete. Er hieß Uwe, Albert, Eduart mit Vornamen. Und so verwies er einem immer an einen anderen Vornamen, wenn es ihm nicht passte, was man sagte. Die latente Schizophrenie war sein künstlerisches Spielfeld. Das er in vielen Darbietungen und Sequenzen seines Lebens oft meisterhaft bespielte, meist mit der Bierflasche in der Hand, immer am Rande vor dem Absturz...

 

     Unser Verhältnis kühlte aber leider ab. Uwe warf mir vor, dass ich als Designer auch Werbung, also Dienst "für den Klassenfeind" machen würde. Werbung war für ihn per se "Bäh". Dem widersprach ich nicht grundsätzlich, doch er mache schliesslich in konkreto für seine Szenekneipe und künstlerischen Veranstaltungen auch Werbung. Zu dem hät-te ich noch für nichts Unrechtes Werbung entworfen und habe das auch nicht vor. Werbung für Omnibusse z.B. sei ja nichts schlimmes, obwohl die von einem Rüstungs-konzern wie Daimler-Benz gebaut wurden. Oder würde er aus Protest gegen den Kapitalismus etwa nicht Omnibus fahren? Das ließ er nicht gelten und so lief es eigent-lich auf die moralische Frage hinaus, ob man als anständiger Mensch ganz normal exi-stieren könne, mit allen Kompromissen und Notlügen, die auch notwendig sind, um in unserer komplexen, kapitalistischen Welt halbwegs gut über die Runden zu kommen, oder zwangsläufig in der Gosse Enden müsse, - ja, solle! Er nahm anscheinend die Aus-sage von Adorno, dass es kein "Richtiges im Falschen" geben könne, all zu wörtlich. Und er hätte wohl den Ausspruch des neuen Papstes Franziskus, dass "Kapitalismus töte" spöttisch gelobt als Atheist. 

     

     In der Gosse enden wollte ich jedenfalls keineswegs! Dazu war ich viel zu klar Auf-steiger im sozialen Kontext meiner Familie, die aus der Arbeiterklasse kam. Das war Uwe Tschense egal. Als Ausgestoßener vom Vater und um sein Erbe gebracht als Ortho-pädieschuhmacher mit Geschäft, fühlte er sich eh beschissen vom Leben, - in diesem Punkt gewiss zu recht! Um so rigoroser aber war eben sein Urteil gegen andere. Er konnte offensichtlich immer weniger zwischen Bühne, also Kunst, und dem Leben unterscheiden. Was fatal war, denn viele Leute wollten sich seine manchmal rüden Pöbeleien nicht mehr bieten lassen und zogen sich zurück. Er landete zwar nicht in der Gosse im wörtlichen Sinne, aber vereinsamte in einer zugemüllten Wohnung zusehends. Keine der ehemaligen "Fans" fanden das dann "authentisch". Er ließ sich aber auch nicht helfen, sondern war voller Starrsinn, stieß auch manchen Willigen rüde vor den Kopf, was wohl auch eine Folge vom Alkohol war und wurde schließlich entmündigt (Was heute nicht mehr so heißt.)

 

Als wir, seine alten KünstlerfreundInnen, ihn zum letzten Mal besuchten, war er milde, fast schon Geisterhaft und war auch so schwach, dass er sich beim Spaziergang kaum auf den Beinen halten konnte. Der Alkohol raffte ihn letztlich viel zu früh hinweg. Nur wenige Getreuen sind ihm geblieben. Wie ich hörte, schaffte er es doch mit Hilfe einer ehemaligen Freundin von ihm, die Sozialarbeiterin war, aus dem Schlamassel heraus-zukommen und kam in Mannheim in einem Haus für betreute Personen unter. Er schien auf dem Weg der Besserung, verstarb aber plötzlich an Hirnblutung.

     Für mich ist er die wichtigste Person geblieben, mit der ich mich als Junger in die Welt des Unbekannten und des Abenteuers traute. Sie veränderte grundlegend unser beider Leben. Eine Welt der 68iger Bewegung, die die Welt veränderte. Er war Teil davon.  

Es war einmal...

ein junger Bursche, der

trank bis er seine Leber

ruinierte. Sie schrumpfte

zusammen und wurde

immer weniger, als er

so da saß und trank,

aber gut hat er´s

gehabt, nicht wahr? 

 

Uwe Tschense,

aus: Dreiundzwanzig

Märchen, die kannste

Deiner Großmutter

erzählen.

 

Handschriftliche 

Broschüre, etwa

1980/85 erschie-

nen, die der

Autor für ein paar

Bier in Kneipen

verkaufte.

 

 

Norbert Herrmann

letzter Eintrag:

23.März 2017

 

Es war einmal...

ein alter Mann mit Bart,

der sagte: Es ist schon

so wie ich befürchtet

hatte, zwei Eulen, eine

Henne, vier Lerchen

und ein Zaunkönig haben

ihre Nester in meinem

Bart gebaut.

 

Uwe Tschense,

ebda.