Bleistiftszeichnung, Teil der Kunst-Bewerbungsmappe 

Mein 1968 beider Bundeswehr

Eigentlich ist für mich das Jahr 1967 und 1968 schwer zu trennen, denn es ging erlebnismäßig in meiner Erinnerung nach über 50 Jahren fast nahtlos ineinander über, beide Jahre waren ein radikaler Bruch in meiner Biografie. Während mein Schulfreund und ich 1967 als 19/20jährige uns schworen unsere erlernten Berufe an den Nagel zu hängen und Pflastermaler wurden, was wir nach einer Tramp-Tour nach Amsterdam und Den Haag auch recht erfolgreich in Norddeutschen Städten ausgeübt hatten. In der BRD war damals die Pflastermalerei relativ neu und so wurden wir nach Kiel auch in kleineren Städten wie Holstein, Eutin oder Eckernförde von der Lokalpresse mehr oder weniger ironisch, aber freundlich angekündigt, nachdem wir uns - ganz professionell! - eine Genehmigung im Rathaus geholt hatten. Die Behörden waren damals dort recht liberal. 

Im Spätherbst 1967 wollten wir eigentlich in Europas warmen Süden, doch ich hielt plötzlich den Einberufungsbescheid für Januar 1968 zur Bundeswehr in den Händen, als ich daheim in Ludwigshafen am Rhein meinen Eltern, die mich freudig in ihre Arme schlossen, lediglich kurz “Hallo” sagen wollte. Die Frage war nun, was tun? 

 

Bei allen Alternativen, die jungen Männern damals offen standen sich vor der Bundes-wehr zu drücken, wählte ich dagegen in unklarem, aber dennoch entschiedenem Willen die Alternative, mich dem Staat als Kriegsdienstverweigerer unter Berufung auf das Grundgesetz zu stellen. Ich fühlte mich mental stark genug, das durchzustehen. Bedingungsloser Pazifist war ich nicht, meine Haltung war im Wesentlichen politisch, gegen das Prinzip der “Atomaren Abschreckung” an sich, begründet. Wenn dieses Prinzip versage, meinte ich, was nicht unwahrscheinlich sei, gäbe es nichts mehr zu verteidigen, unter Hinweis auf die schrecklichen Atomwaffenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki der Amerikaner. Europa wäre im Ernstfall vom Atlantik bis weit hinter den Kaukasus eine verseuchte Wüste. Auch die USA wären durch die Antwort der Sowjets ein Inferno. So argumentierte ich schriftlich und auch mündlich vor Prüfungsaus-schüssen, die mich zunächst ablehnten, im Sinne von ”kann ja jeder kommen!”
 
Erst nach einem Jahr zermürbendem Auf und Ab beim Bund, Befehlsverweigerung, Bundeswehrknast und einem Gerichtsurteil zu  “Festungshaft” zur Bewährung, wurde meine politische Begründung als Gewissensentscheidung im Sinne des Grundgesetzes anerkannt. Heute kann man wissen, wie recht ich mit meiner jugendlichen Intuition hatte. Die Welt ist mehrmals, nicht zuletzt aufgrund technischen Versagens, in den fol-
genden 50 Jahren bis heute, haarscharf an einer atomaren Katastrophe vorbei geschrammt, was uns jeder Zeit, auch heute, hinwegraffen kann. Aber heute kommt noch der subjektive Faktor, z.B in Gestalt eines twitternden, schwachköpfigen Ego-manen und Fake-News-Produzenten  im weißen Haus hinzu, von den anderen 
obskuren Figuren in den Herrschaftshäusern der Welt mit Atomwaffen, ganz zu schwei-gen. 
  
Wie auch immer: Meine Rettung damals in der “Höhle des Löwens” beim Bund war wahrscheinlich, dass ich noch vor der Einberufung das Soldatengesetz in Gestalt eines Taschenbuchs sehr genau studierte, das wunderbarerweise in alle Uniformjacken in eine der äußere Brusttaschen passte (Hauptsache der Knopf ging zu!) und sich darin enorm prall und sehr charakteristisch als Warnung abzeichnete. Damit war jeder Ausbilder und Vorgesetzte gehalten  sich nicht “daneben zu benehmen”. Das Soldatengesetz war relativ neu damals, “Bürger in Uniform” ( de Maiziere ) ein reines Schlagwort, entspre-chend machten sich einige Ausbilder lustig. Sie sollten sich wundern!  
Die “Kameradschaftspflicht” als wesentliches Element des Soldatengesetzes, wendete ich mit reichlich gutem Rat und praktischer Hilfe meiner Reiseschreibmaschine bei Beschwerden von Kameraden wegen “Übergriffigkeiten” von Vorgesetzten äußerst effektiv an, was sich natürlich in der Truppe in Windeseile herumsprach. Die 
Beschwerdestelle des Bataillon schien bald überzuquellen. Ich wurde mit der Zeit wie ein rohes Ei behandelt, was mich natürlich schützte. 
Im Sinne der Ausbildung konnte man mir nichts anhaben, denn ich war körperlich fit, sportlich und ausdauernd, - nur schießen wollte ich halt nicht! Kampfausbildung lehnte ich demzufolge ab. Anfangs durfte ich das gesetzlich auch, was bei manchem Übungs-marsch zu lustigen Vorkommnissen führte, als sich beim plötzlichen, Befehl: “Feindflug von rechts!”, die Kompanie in den Dreck nach links warf, außer den Offizieren, Ausbil-dern, - und ich! Entsprechend kam Gekicher und Gelächter auf, was so manchem nicht passte. 
Auf der Stube half ich den Kameraden danach oft bei der Reinigung ihrer Ausrüstung, was den Zusammenhalt enorm festigte, wir verstanden uns als Team und diskutierten viel. Sie waren auf meiner Seite. Dies und der schon angesprochene Ruf als kompe-tenter “Ratgeber bei Beschwerden”, gab mir eine relativ starke Stellung im Gefüge der Truppe. 
In der theoretischen Schulung warb ich tapfer für meine Sicht der Dinge und sorgte so für einige hitzige Debatten, was offensichtlich neu war beim Bund. Manche Unterof-fiziere oder auch Offiziere begannen mich wegen meiner hartnäckigen Argumentation zu achten. Sie taten diese inhaltlich zwar etwas hilflos als Moralismus und “unsolda-tisch” ab, aber was ist, wenn ich recht hätte mit meinem Zweifel? Diese Frage nagte auch an manchem von ihnen.

Insgesamt stieg ab 1967/68, wie man wissen kann, nicht nur die Zahl der Kriegsdienst-verweigerung insgesamt sprunghaft an, darunter waren auch nicht wenige Unterof-fiziere und Offiziere. Einige Soldaten baten im neutralen Schweden um Asyl, wie ich letztens in der FR las. Jedenfalls wurde in Folge dieser Entwicklung die Bedingungen für die Kriegsdienstverweigerung in der BRD enorm erleichtert, wie wir wissen. Die Anwen-dungskriterien des Grundgesetzes wurden in diesem Punkt von Gerichten präzisiert, ja, 

im Grunde wurde das Grundgesetz in diesem Punkt erst richtig durchgesetzt. Die Folgen kennen wir: Der Zivildienst wurde gewissermaßen als gleichberechtigte Alterna-tive zum Wehrdienst gesellschaftlich akzeptiert. Im Grunde avancierte der Zivildienst mit den Jahren zu einer unverzichtbaren Institution, die in vielen Sektoren der Gesell-schaft die Lücken, einer bis heute immer krasser neoliberalen Ausdünnung der gesell-
schaftlichen Versorgung der Bevölkerung, füllte, unter der wir bis heute zu leiden haben. Heute stellt sich das durch die Berufsarmee natürlich anders dar. Und wie man hört, gibt es viele, die sich zum “Freiwilligen Jahr”bei sozialen Diensten melden... 

 

Zurück zu 1968: Nach der Grundausbildung sollte das feierliche Gelöbnis kommen und ich teilte dem Kompaniechef mit, dass ich in meiner Eigenschaft als Kriegsdienstverwei-gerer besser nicht teilnehmen sollte, sonst würde ich den Stahlhelm vor das Rednerpult schmeißen und entsprechend deftige Parolen rufen. 

Die Zeremonie war öffentlich, es war politische Prominenz und Presse zugegen. Einen Eklat wollte der gute Mann - sicher mit Rücksprache von oben - nicht wagen, traute mir allerdings wohl meine Drohung auch zu. So wurde ich an diesem Tag zur Bewachung von Gerätschaften abkommandiert. Ein Sieg! 

 

Die Rache sollte kommen: Als ich bei erneuter Ablehnungen durch einen Prüfungsaus-schuß und wieder Aufnahme meines juristischen Verfahrens, vertreten durch einen guten Anwalt aus Hannover, allerdings die Berechtigung, den Dienst an der Waffe zu verweigern, verlor, half mir ein Stabsunteroffizier und mein stellvertretender Zugführer öfters vom Dienst an der Waffe freizukommen, in dem er mich zum Putzen von Gas-
masken oder Ähnlichem abkommandierte. Das konnte nicht lange gut gehen. Ich war auf der “Flucht vor dem Dienstplan”, das wussten meine Widersacher auch, die mehr zu sagen hatten als er. Und so setzte der Kompaniechef eines Tages eine überraschende Änderung des Dienstplans fest und es hieß: “Kompanie antreten zum Schießen”. Ich sah mich gezwungen, vor der angetretene Kompanie den Befehl zu verweigern, was zu meiner sofortigen Inhaftierung führte. Die Kompanie ging ohne mich zum Schießen. Einige Kameraden meiner Stube besuchten mich abends in der Arrestzelle und versi-cherten mir ihre Solidarität. Alle Kameraden würden meinen Mut bewundern. Das tat gut. 
Auch von anderen Einheiten kam Besuch. Wir waren in der Fritschkaserne in Koblenz damals etwa 20 Kriegsdienstverweigerer und trafen uns ab und an. Ich glaube, von denen hielten, einschließlich mir, etwa die Hälfte durch und wurden anerkannt. Der psychische Druck war enorm, denn es gab natürlich genug Schikanen, um Rekruten kleinzukriegen, nicht zuletzt Ausgangssperren und Streichung der Wochenendurlaube 
aus nichtigen Gründen. Wogegen mit dem Soldatengesetz schwer beizubekommen war. Ich glaube, ich putzte und blockte mit Wachs das gesamte Kompaniegebäude mit der Zeit mehrmals durch, sammelte Körbeweise Zigarettenstummel der Umgebung auf und schob an unzähligen Wochenenden GVD-Dienste an der Pforte der Kompanie. Was leicht zum Koller führen kann, mir aber persönlich wenig ausmachte, weil mit meiner Freundin damals Funkstille herrschte, ich sowieso traurig war und in der Freizeit an künstlerischen Arbeiten fleißig arbeitete. Ich hatte ein Ziel! 
Oder ich wanderte abends hoch zur Festung, um mir einen weiten Blick über Koblenz, den Rhein und die Mosel zu verschaffen, die hier beide so malerisch zusammenflossen. Manchmal erhielt ich auch länger Ausgang und ich lief in Uniform den Berg hinunter in Koblenzer Kneipen. Da traf man viele Rekruten und auch Unteroffiziere aus allen Waf-fengattungen. Es wurde viel diskutiert. Der Mai 68 in Frankreich zeigte seine Auswir-

kungen in vielen Köpfen. Gespannt sahen wir im Fernsehen die Entwicklungen an deutschen Universitäten und Schulen, nicht zuletzt auf den Straßen der BRD. Das gefiel mir und ich schöpfte Hoffnung.        

 

Ich erhielt drei Wochen Haft im Bundeswehrgefängnis Koblenz. Das war wieder Erwar-ten meine schönste Zeit beim Bund. Denn “Berufsvorbereitungen” durfte man Rekruten in der Haft nicht verwehren nach dem Gesetz - wusste ich und setzte das durch! - und weil ich Kunst studieren wollte und schon viele Arbeiten vorweisen konnte, verwandelte sich die Zelle rasch in mein erstes Atelier. Wunderbar! Die Flucht vor dem Dienstplan war beendet. Beim nächsten Prüfungstermin wurde ich anerkannt, es ging auf Weih-nachten zu. Im Januar 1969 trat ich den halbjährigen Zivildienstdienst in der Landes-nervenheilanstalt in Alzey an. 
Dort stellte ich die Bewerbungsmappe nach dem Dienst fertig und wurde damit zum Kunst und Designstudium im Herbst 1969 in Mannheim zugelassen.

 

Zwei zeithistorische Ereignisse haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben: Bei einem Wochenendurlaub in meiner Heimatstadt kamen abends in eine Diskothek junge Leute hereingestürzt, die atemlos vom Attentat auf Rudi Dutschke berichteten. Die Diskothek leerte sich rasch, aus vielen Kneipen strömten jede Menge Volk hinzu, um zu einer spontanen Demonstration über die nächtliche Rheinbrücke nach Mannheim zu marschieren. Spontane Reden gegen die Springerpresse wurden über ein eilig organi-siertes Megaphon geschwungen, entsprechend empörte Sprechchöre, speziell gegen die “Bildzeitung”, wurden laut. Das war eine meiner ersten politischen Demonstrationen, an denen ich teilnahm. Viele sollten später bis heute folgen.

 

Das andere historische Ereignis: Wir waren in der Lünneburger Heide im Manöver. Die Panzereinheit, die unsere Versorgungskompanie u.a. mit Sprit versorgte, war fertig ausgebildet und so viel ich weiß, war das Gerät damals weitgehend funktionstüchtig. Da kam die überraschende Nachricht von der Niederschlagung des “Prager Frühlings” durch Panzer der Streitkräfte des Ostens. Es wurde gekämpft. Wir diskutierten die ganze Zeit schon stürmisch und voller Hoffnung die verheißungsvollen Entwicklungen in Prag. Und 

hörten nun fassungslos die verzweifelten Hilferufe der Prager Sender, bis ihr Flehen im Gurgeln der Pfeifgeräusche unserer kleinen Transistorradios erstarb. Es wurde in der Kompanie von Mobilmachung der Nato getuschelt. Wir hatten Informationssperre. Was tun? Wir waren ganz zweifellos in Panik. Und ich zeichnete einiges in Kohle auf den Zeichenblock, z.B. wie es in unserem großen Manöverzelt zu ging, in dem der Ofen 
nachts glühte, denn es war sehr kalt, obwohl es Sommer war. Eine Zeichnung ist noch erhalten, es zeigt Kameraden, die Skat dreschen, die Spannung übertünchend. Ich dachte an Desertion, wusste aber nicht wohin. Die Lünneburger Heide ist groß und für Fremde ziemlich unübersichtlich.  
Unser Panzerbataillon wäre gewiss mit das erste gewesen, das gegen den Osten in Marsch gesetzt worden wäre, hätte die Nato angegriffen. Das wollten wir nicht! Atom-krieg? Auch unser Kompaniechef wollte das nicht, der nach Tagen und Nächten der Ungewissheit, schließlich erleichtert Entwarnung gab, als wir morgens im wunderbaren Sonnenlicht antraten. Kein Krieg! Es wurde voller Lebenslust, nach einem kurzen Dienst, gefeiert. Alle feierten, auch die Offiziere, die Unteroffiziere sowieso und einige, darunter auch ich, gedachten bei einigen Bieren mehr oder weniger still dem jähen Begräbnis des Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

 

Norbert Ernst Herrmann
März 2018, letzter Eintrag

und geringfügige Änderung

am 9.September 2018

 

 

(Siehe Fortsetzung unten.) 


 

 

 

 

 

 

Veröffentlichung in der Frankfurter Rundschau am 25/26.August 2018 

 

Mein Artikel wurde vom zuständigen Redakteur leicht gekürzt, "auf Länge gebracht", wie Journalisten sagen, damit er in die vorgesehene Spalten passt. Gute Arbeit! Um die Zeitungsseite (eventuell) lesen zu können bitte auf die Seite klicken.