Titel: Weßes Relief 1, Styropor, Spachtelmasse auf Leinwand sowie vier Beleuch-tungslampen, 100 x 100 cm, 2019

 

Im Katalog der Galerie mBeck zur Art-Karlsruhe (siehe unten) schrieb ich:

 

"In meinen zweidimensionalen Arbeiten leitet sich das irritierende Ähnlichkeitserlebnis von wahrnehmungsmäßig fragilen Teilformen (z.B. Dreiviertelkreise) von den Grund-lagen des Zeichnens her: Stets teilt die Linie oder Fläche etwas und ist zugleich Figur auf einem jeweils gegebenen Hintergrund. Dieses ambivalente Verhältnis zwischen Vordergrund und Hintergrund steigere ich durch eine paradoxe Schattengebung, die in der Wahrnehmung von "wahr oder nicht" aufwirft.

 

Auch in der Dreidimensionalität des Reliefs zeigt sich durch eine spezielle Lichtführung dieser paradoxe Seh-Eindruck. Heutzutage scheint in Zeiten von "Fake-News" die Wahrheitsfrage besonders virulent zu sein. Vielleicht deshalb, weil Lüge und Ideologie sich schon immer trefflich tarnt, also eine ähnliche Struktur annimmt, - in der Biologie als Mimikry wohl bekannt! Deshalb sollte "genaues Hinsehen" im Denken und Handeln zur Maxime unseres Daseins gehören..."  

 

 

Meine Einladungsmail (und Postkarte) lautete:

Liebe Freundinnen und Freunde der bildenden Kunst,

 
der Link https://www.art-karlsruhe.de/de/ kann eine Ahnung vermitteln, welchen Rang die Messe im internationalen Kunstgeschehen mittlerweile einnimmt. 
Deshalb möchte ich Sie ermuntern sich diese streng kuratierte Schau nicht entgehen zu lassen. 
Ich werde mit einem einzigartig beleuchteten Relief, das meine Kunstauffassung auf neue Weise ausdrückt, mit anderen KünstlerInnen zusammen, von der Galerie mBeck - Halle 2 A 25 - vertreten. Die Galerie mBeck gibt auch einen Katalog heraus. 
 
Gruß aus dem tiefen Pfälzer
Wald, man sieht sich,
Norbert E.Herrmann

 

 

Die Galerie mBeck reichte bei der Messe-Bewerbung folgendes Motto ein: "Ich weiß nicht. Ich weiß, ich weiß alles." 

 

Dazu schrieb ich - der Text wurde als Vorwort, mit leichter Kürzung, auch in den Katalog aufgenommen (siehe unten): 

 

"Das Künstlerische ist ein Traum, dem das Wissen zunächst fremd zu sein scheint. Die Ahnung mag ihm alles sein. Es fühlt sich aber nicht lange wohl im Gefängnis des Nichtwissens, dem nur auf sich selbst bezogenen “Irgendwas.” Es will die Freiheit, es will die ganze Welt. Das Künstlerische will alles wissen, nicht nur die eigenen Ideen pflegen. Damit begegnet es zwangsläufig dem Wissen, Nichtwissen und Handeln anderer Menschen. Hier mag der entsetzte Schrei anheben:“Ihhhh!" Und kann oft schier nie mehr aufhören im ganzen Leben... 
Das Künstlerische, ab und an vom Traum erwacht, weiß nun, dass es so gut wie nichts weiß, strebt fragend wie Sokrates nach Erkenntnis und gewiss auch nach der Tat, nicht ohne Fehler zu machen. Das ist unvermeidbar. Gut, wenn man sie einsieht und erkennt, - auch darüber spricht! 
Wissen und Nichtwissen sind im kulturellen Gewebe beständig in dialektischer Spannung - etwa wie Figur und Grund in den Grundlagen des bildnerischen Schaffens - und verbindet sich gewiss mit Faktizität und Geltung von Wahr-heit, wie Jürgen Habermas richtig ausführt. Doch das Gegenteil von der Wahrheit ist nicht die Un-Wahrheit, sondern, wie Hans-Georg Gadamer sehr eindringlich in seinem grandiosen Werk Wahrheit und Methode zeigt: Die Verblendung.

Davor ist niemand gefeit. Das Alles-Wissen-Können ist uns Menschen bislang nicht erreichbar - wahrscheinlich nie - nur das Mehr-Wissen-Wollen, und endet hoffentlich nicht, wie leider Friedrich Nietsches Schicksal zeigt, im Wahnsinn. Wobei wir wieder am Anfang von künstlerischen Träumen wären...”

 

 

 

 

Mein Eindruck von der Art-Karlsruhe 2020:

 

Wenn Massen strömen gehen allen Künstler*innen der Welt die Herzen auf, denn die erste Währung der Kunst ist Öffentlichkeit. Kunst, die im Verborgenen blüht, ist keine, auch wenn das hin und wieder vorkommen mag. Zur Kunst gehört Kritik wie die Faust auf´s Auge, wie man sagt - und das geht nur, wenn sie öffentlich in Erscheinung tritt. 50 000 Besucher wurden erwartet - das werden es wohl gewesen sein, so wie bei der Preview schier alles auf den Beinen war, was Beine hat -, 210 Galerien aus 15 Ländern stellten aus. Den einen sind Kunstmessen demokratisch, den anderen beliebig, neben Kunst gibt es Kitsch, - wer möchte das bestreiten? Tatsache ist, dass die Art-Karlsruhe mittlerweile neben Köln im deitschsprachigen Raum zu jenen Kunstmessen gehört, die international große Beachtung findet, nur die Art-Basel hat noch größeren Zuspruch. 

 

Apropos "demokratisch": Erstmal ist es für Künstler*innen nicht leicht eine Galerie zu finden, wie man wissen kann, die ihre Kunst adäquat vertritt und in der Lage ist, die horrenden Standmieten zu bezahlen. Deshalb beteiligen Galerien Künstler*innen nicht selten auch an den Kosten. Was aber nicht heißt, dass Galerien nicht selektieren würden. Das tun sie gewaltig, müssen sie auch, denn ein riesiges Heer von über 30 000 professionelle bildende Künstler*innen sind bei der Künstlersozialkasse gemeldet, - defakto sind es weit mehr, wahrscheinlich 100 000 in Deutschland, höchstens 5% können von ihrer Arbeit leben.

Hinzu kommt: Die Galerien werden selbst von der Messeleitung scharf selektiert, wer da kein gutes Konzept vorlegt, wird nicht zugelassen. Und - was die wenigsten Leute wissen - die Messeleitung nimmt sich das Recht, bis zum einzelne Künstlermenschen durchzugreifen: Wer denen nicht passt, aus Gründen wie immer, fliegt ebenso raus!

Da können die Galerien nichts tun.

Demokratisch ist das nicht. Doch der Kunstbereich ist sowieso nicht demokratisch, war es nie, wie auch? Künstlerische Qualität ist nicht demokratisch bestimmbar, trotzdem finden in Gremien von Museen, Kunstvereinen oder auch Künstlerverbänden Abstim-mungsprozesse statt, die auch wandelbar sind, der Zeitgeist setzt sich durch, sonst hätte es die Moderne nie gegeben. Es bedarf immer wieder der Anstoß von "Spürna-sen", um das Innovative in der Kunst zu erkennen. Die waren schon immer rar gesäht, - was wäre aus Picasso geworden, wenn es keinen Kahnweiler gegeben hätte?

 

Aber wer tritt schon etwa einem absurden Schreihäls wie Jonathan Meese mit seiner "Diktatur der Kunst" entgegen, dessen praktisches Kunstniveau man in jeder Stadt in gewissen Kreisen finden kann? Man verleiht ihm Preise und er darf ein spährlich wer-dendes Publikum in einem Theater zwei oder drei Stunden ermüden...Naja, Freiheit der Kunst. O.k., geschenkt...

 

Traditionell gelten Galerien als die Institutionen, die die Spreu vom Weizen der künstle-rischen Produktion trennen. Wer eine Kunstausbildung durchlaufen hat, weiß, wie stark die Selektion ist, überhaupt zum Studium zugelassen zu werden und vom ersten Semester bis zum letzten abläuft...Da haben schon manche das Handtuch geworfen, - einige wurden trotzdem berühmt (oder vielleicht deshalb!).     

 

Und so bleiben den meisten Künstler*innen nur das Rackern, Rackern und Rackern sowie die vage Hoffnung, dass irgendwann ihre Kunst an die richtigen Leute "mit Durchblick" kommt. Denn leben von ihrer Kunst wollen alle. Die bekannten Namen der Kunst waren natürlich auch vertreten auf der Messe, tot oder lebendig. Kunst als Geldanlage ist natürlich gefragt, mit innovativer Kunst, hat das allerdings selten etwas zu tun. Da rattert die berüchtigte "Geldmaschine" des Kapitalismus... 

 

Die zweite, wichtige Währung der Kunst ist die Vita der Künstler*innen, die darüber Auskunft gibt, wo wann und bei wem ausgestellt wurde. Weil es kein objektives Kriterium für die Qualität der Kunst gibt, ist das für viele ein wichtiger Hinweis, wie ernst die jeilige Kunst zu nehmen ist, nach dem Motto: Wenn die, dann ich auch... Da macht sich der Eintrag: 2020 - Art-Karlsruhe nicht schlecht. Auch in meiner Vita, das ist keine Frage.

 

Wichtig war für mich, neben dem ganzen Verkaufen, ja oder nein - wichtig, sehr wichtig! - der Kontakt mit Kunst-Kollegas der Galerie, mit denen ich ausstellte und die im Katalog trefflich vertreten sind - leider immer sehr kurz war der Kontakt, was aber in der Hektik und Logik von Aufbau und Abbau begründet ist. Auch mit dem Galeristen-ehepaar plus den für mich neuen MitarbeiterInnen der Galerie, in erster Linie die klasse Künstlerin Karin Angerer, was immer gute Gespräche und Anregungen brachte. Man fühlt sich gut aufgehoben...          

   

Die kleineren Fotos oben zeigen neben meiner Frau Gretel Kawohl und mich selber, einige Freundinnen und Freunde beim kritischen Diskutieren meines Reliefs. Hier zum Schluss das Foto der großen Künstlerin Erika Glos aus Kaiserslautern, die wir zufällig vor meiner Arbeit getroffen haben. Der über 80jährigen richtete die Stadt Kaiserslau-tern zu ihrem runden Geburtstag eine große Ausstellung aus, wo sie ihr vitales Werk ausstellte, das wahrlich bewunderungswürdig ist. Sie kennt meine Arbeiten und vermit-telte mir im fränkischen Schirnding, wo sie her stammt und wo sie ein Künstlerhaus betreibt, einst eine große Einzelausstellung.  Wir umarmten uns und sie sagte: "Das hast du klasse gemacht!" Mit diesem Lob, möchte ich hier schließen.

 

Norbert Ernst Herrmann

   19.Februar 2020