Gegen den Terrorismus ist natürlich jeder vernünftige Mensch,

 

dennoch wird es nicht ausbleiben zu differenzieren und klug alles in Betracht zu ziehen, was in diesem Zusammenhang (mir) wichtig erscheint. Gewiss will und kann ich nicht das Thema hier voll erschöpfen, die Aktualias laufen einem auch davon. Mir ist nur wichtig, in wie weit sich mein Zeitverständnis mit dem wichtigsten Impuls meines aktuell künstlerischen Schaffens, dem Begriff von Ambiguität und Ambi- valenz, verbindet. An anderer Stelle habe ich hier auf meiner Homepage schon darüber Auskunft gegeben, siehe Zum Ambivalenzbegriff meiner Kunst...

 

Gegen den Nazi-Terrorismus habe ich auch schon an anderer Stelle Stellung genommen in Bild und Schrift, siehe "Meine obligatorische, grafische Jahreswech-selgrüße", oder meine Äußerung zu Pegida, siehe "Schande für Pegida", nun hier zu dem sogannten "Islamischen Staat" (IS) und seinem weltweiten Kampf, dem sich schon viele Terrorgruppen in der ganzen Welt angeschlossen haben, - unterschätzen darf man diese Leute gewiss nicht!

Um so schlimmer ist, dass sich unglaublich viele junge Leute, auch unseres Kultur-kreises, dieser blutrünstigen, gnadenlos massakrierenden Mörderbande ange- schlossen haben, wobei man sich an den Kopf greift - sie würden einem den wohl gnadenlos abschlagen! - und nicht versteht, warum sowas möglich ist. Nicht zuletzt junge Frauen, die dort hingehen, nicht nur als Kämpferinnen, sondern, um sich als Ehefrauen diesen Idioten zu unterwerfen. Na gut, in einschlägigen, wissenschaftlichen Schriften (siehe auch weiter unten) zum Thema "Jugend und Radikalisierung", kann man lesen, warum das möglich ist. Als 68iger, der seine jugendliche Radikalisierung als linker Kritiker unserer Gesellschaft noch lebendig in den Knochen verspürt, finde ich das besonders bemerkenswert. Uns ging es u.a. um die Befreiung der Sexualität, die frei sein und die Geschlechter emanzipieren sollte...Während diesen Verblendeten geht es um die absolute Spießigkeit eines "gottgläubigen Lebens", was natürlich der Doppelmoral Tür und Tor öffnet - man glaubt es nicht!

 

(Doch hier zu erst das Bild, dann die weiteren Kommentare)

Gewiss sind unsere seit Jahrzehnten unzureichenden Integrationsbemühungen dafür verantwortlich, dass sich junge Leute diesen Mörderbanden anschließen. Das gilt gewiss auch für Frankreich, doch da sind durch den Kolonialismus zusätzlich erschwerte Bedingungen, ein Thema, was ich hier nur streifen kann, was aber auch nichts entschuldigt...

Wenn man jedenfalls, wie bei uns, seit Jahrzehnten schon defakto eine Einwande-rungsgesellschaft ist, dies aber auf Betreiben der Unionsparteien bis heute nicht wahrhaben will, also auch kein klares Einwanderungsgesetz anstrebt - man erinnere sich: Vor über 15 Jahren gab es dazu eine "Süßmuth-Kommision", die vernünftige Vorschläge vorlegte -, dann kann es aktuell durch die aktuelle sprunghafte Vielzahl der Flüchtlinge nur ein großes Stöhnen geben von Seiten des "überforderten" Staates, ungeachtet der großen Hilfsbereitschaft der Mehrheit der Bevölkerung, die sich durch unzählige (!) Brandanschläge von Nazis auf Flüchtlingsunterkünfte und eine oft den Tätern gegenüber "verständnisvolle" Polizei und Justiz, offensichtlich trotzdem wenig schert. Noch!

Man weiß nicht, wann das kippt. Die CSU arbeitet in altbekannter "Das-Boot-ist-voll-Weise" daran, dass es kippt - das wohlbekannte "Södern" erschallt in der Republik-, der Finanzminister und der Innenminister sägen aber schon mehr oder weniger vernehmlich am Stuhl der Bundeskanzlerin Angelika Merkel, die in Ihrem Unions-bündnis die meisten Kritiker hat und deren Popularität in den demoskopischen Umfragen sinkt. Die SPD rudert hin und her und die Opposition im Bundestag sieht keine andere Wahl als Merkel im Prinzip Beifall zu klatschen, natürlich mit einigem Gebrummel, schließlich ist sie Opposition. Die meisten EU-Länder husten Deutschland etwas im Sinne von "Europäischer Solidarität" und die neugewählte, "konservative" polnische Regierung sagt im Prinzip das selbe wie Nazis bei uns oder die zweifel-haften Gestalten von Pegida und AFD. Na dann: Fröhliche Weihnachten! Merkel war nie meine Wahl - nur zur Erinnerung: Die Mehrheit der Wähler wollten sie bei der letzten Bundestagswahl auch nicht! SPD, Grüne und die Linke könnten sie bekanntlich durch ein konstruktives Misstrauensvotum im Bundestag stürzen -, aber in diesem Fall kann man ihr recht geben. Ansonsten sind die Asylgesetze erneut verschärft worden, - der Rest erledigt die Bürokratie, die schließlich, wie schon Max Weber seinerzeit  befand, zu den effizientesten der Welt gehört...

 

Für die Attentäter, die im Sinne des IS morden und sterben, war das leider ihr großes Finale im Leben. Sie verdienen unsere Verachtung, aber auch unser Bedauern. Das macht die Sache so ambivalent. Sie haben etwas getan, wofür niemand ihrer Famil- ien und Sippen je stolz auf sie sein könnten. Das macht die Sache tragisch, denn man weiß, wie viel diese armen Tröpfe auf Tradition, Familie und Sippe ideologisch setzten, Werte, die sie herbeibomben wollten im Rahmen einer unmenschlichen, religiös verbrämten Ideologie. Werte, die aber für sie selbst offensichtlich völlig abstrakt waren, sonst hätten sie nie völlig unbeteiligte Menschen willkürlich umbrin- gen können. Sie taten es, weil sie jenseits jegliche Menschlichkeit sind, so können Menschen zu Barbaren werden...(Das zu erhellen siehe weiter unten die Zitate)

 

Aber gewiss wird unser Mitgefühl in erster Linie natürlich den vielen Opfern des Terrorismus weltweit gelten - nun neuerdings in Paris des 13.11.2015 -, weil jeder von uns an ihrer Stelle hätte sterben können, wenn wir in eine Musikveran-staltung oder in ein Restaurant oder Bistro gegangen wären in Paris. Das gilt auch für uns Deutsche und alle, die bei uns friedlich leben. Es wurden ja auch schon Attentate bei uns verhindert... Denn ändern werden wir unser Leben im Prinzip nicht. Die Franzosen werden das sowieso nicht tun, denn ihr Leben spielt sich meist weniger in der Wohnung ab, wie bei uns, als viel mehr in Pausen oder nach der Arbeit z.B., eher in Bistros oder Restaurants. Das ist ihre Lebensart, die auch viele bei uns (ich auch!) lieben.

 

Norbert Herrmann

26.11.2015

 

Hier nun einige Zitate von AutorInnen, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem Thema befassen und deren Äußerungen mich beein-druckten:

 

Die Macht der westlichen Moral, Essay von Romain Leick, Spiegel Nr.48/19.11.2015

 

„Der Terrorismus braucht keine Rationalität, um sich zu erklären(…). Doch Absurdität bedeutet in diesem Fall nicht Sinnlosigkeit. Die nackte Gewalt trägt ihre Botschaft in sich selbst. Das Entsetzen ist Mittel und Zweck zugleich, ein Akt exhibitionistischer Brutalität, der sich selbst genügt(…). Es gibt für ihn keine Unschuldigen und Unbetei-ligten, die Unterscheidung von Gut und Böse ist aufgehoben. Der internationale Terrorismus ist ein Angriff auf die Menschlichkeit, der Nihilist, den Dostojewski in seinen Romanen beschreibt, ist ein Feind der Menschheit. Der Nihilist kann alles rechtfertigen, weil er das Böse leugnet(…). Die Ideologien, zu denen auch die Reli- gionen gehören, liefern ihm nur das Alibi für seinen Hass, so hat der gerade verstor- bene französische Philosoph André Glucksmann die Rückkehr der elementaren Gewalt analysiert (…). Der einfachste surrealistische Akt besteht darin, mit dem Revolver auf die Straße zu gehen und aufs Geratewohl in die Menge zu feuern, notiert der Dichter André Breton 1930 in seinem „Zweiten Manifest des Surrealis- mus“. Der Tod ist ein Meister aus Nirgendwo Es geht nicht mehr darum, wie bei Karl Marx, die Welt zu verändern, sondern das Leben eines jeden umzustoßen (…).

Der IS bezieht seine Stärke aus der Faszination der religiös fundierten Apokalypse, aus der Aussicht auf die Herbeiführung eines Weltgerichts. Der Selbstmordattentäter erringt einen Sieg, von dem er nichts hat, den er nur in der Vorstellung seiner selbst als strafender Engel genießen kann (…). „Viva la muerte!“. Der Schlachtruf der faschistischen Falangisten im spanischen Bürgerkrieg ist heute die Devise des IS.

 

(…) Wenn denn eine militärische Reaktion unausweichlich scheint, so muss man sich aber auch bewusst sein, dass es um die Zukunft der europäischen Idee und des europäischen Lebensmodells geht (…). Es gibt keine menschenwürdige Perspektive in der Globalisierung außerhalb der Triade Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder, etwas weniger pathetisch ausgedrückt, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität.“

(Seite 140 f)

 

 

Zum Thema Terrorismus und Europa.

 

Peter Riesbeck schreibt im Leitartikel der Frankfurter Rundschau vom 25.November 2015

 

Von Brüssel lernen

 

In Belgien hat der Staat nicht versagt. Das Vorgehen gegen Terroristen zeigt ledig- lich, wie schwach, wie zerfasert das politische Zentrum der Hauptstadt ist. Ähnliches gilt für die EU.

(…) In belgischen Kinos läuft derzeit der famos-bedrückende Film „Black“ über Brüsseler Straßengangs, eine davon aus Molenbeek. Wer Brüssel, Jugendgewalt und Radikalisierungsstrukturen begreifen will, muss diesen Film ansehen. Er hält eine bittere Botschaft bereit: „Auch wenn du in Belgien geboren bist, wirst du für sie immer Ausländer bleiben“, kriegt der Haupdarsteller zu hören, als dieser aus der Gang aussteigen will. Die Globalisierung erfasst längst alle Gesellschaftsbereiche. Es geht um Aufstiegschancen und Perspektiven – gerade am unteren Ende der sozialen Skala. Der radikale Islam ist da nur ein vermeintlich befreiungstheologisches Vehikel (…). Die aktuelle Herausforderungen zwischen Terror, Griechenland und Solidar-haftung, Flüchtlingen und zentraler Verteilungsquote erfordern eine gemeinschaftliche Lösung (…). Aber das widerstrebt den Mitgliedsstaaten, die auf ihre Souveränität pochen. So bleibt Europa ein großes Belgien. Zergliedert, zerfasert, zerklüftet. Versagen nicht ausgeschlossen.“

 

Christa Müller, Soziologin und Leiterin der Forschungsgesellschaft Anstiftung, schreibt in einem Artikel im Wirtschaftsteil der Frankfurter Rundschau  vom 25.November 2015, (Seite 16)

 

Überschrift: „Die Quelle des Hasses. Die globale Ungleichheit schafft Gewalt und Terror. Es liegt an der Beschaffenheit dieser Welt, dass das Versprechen der Moderne – ein selbstbestimmtes Leben im materiellen Überfluss für alle – unter den Beding- ungen derselben Moderne sich nicht erfüllen kann. Von daher trifft die Beobachtung, die Anschläge von Paris seien „ein Angriff auf unseren Lebensstil“ in einem mehr- fachen Sinne zu (…). Der Anschlag von Paris ist damit zugleich Ausdruck der reflexiven Moderne: Wir werden mit den Nebenfolgen einer asymmetrischen Weltord- nung konfrontiert, er ist ein Rückstoß aus einem Universum, das wir selbst geschaf- fen haben.

Es zeigt vor allem eins: Man kann nicht ein sorgenfreies Leben auf hohem Konsum-niveau führen und dabei die Lebensgrundlagen von anderen vernichten. Man kann nicht Kriege anzetteln, Waffen exportieren und denken, die Gewalt käme nicht zurück.

Sind wir bereit, in einer Weltgesellschaft zu leben, in der alle die gleichen Chancen haben? (…) Eine Antwort lautet: kooperativ wirtschaften, teilen, in lebendige Interaktion treten. Nur so kann die globale Ungleichheit, die Quelle des Hasses, versiegen.“

 

Kristin Helberg, Politikwissenschaftlerin und freie Journalistin, zwischen 2001 und 2008 als einzige, westliche Korrespondentin in Damaskus akkreditiert, schreibt in einem Artikel der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ in der Novemberausgabe (11/15) mit der Überschrift: Syrien: Strategie der gleichzeitigen Schritte.

 

„Der IS kann nur dann wirksam bekämpft werden, wenn gleichzeitig die Luftangriffe des Regimes auf Zivilisten aufhören. Alles andere treibt die Syrer erst recht in die Arme des IS, der in seiner Propaganda bestätigt wurde, die da lautet: „Der Westen führt einen Krieg gegen den Islam, er schert sich einen Dreck um Assads Fass- bomben und getötete Zivilisten, sondern will in Wahrheit mit Assad und Iran alle Sunniten auslöschen.“ Das klingt absurd? Nein, aus syrischer Sicht durchaus plausibel (…). Es kann noch schlimmer werden in Syrien – nicht für die Syrer, aber für uns. Deshalb muss, wer den IS bekämpfen und dabei Luftschläge mit Russland koordinieren will, zugleich Assads Bomben stoppen". (Seite 10).

"(…) Für den Beginn einer Lösung des Syrienkonfliktes braucht es also eine Mischung aus militärischer Entschlossenheit und gesichtswahrender Diplomatie sowie ein Gespür für die Stimmungen im Land.(…) Mehr als einhundert zivilgesellschaftliche Gruppen haben sich zu einer Plattform Planet Syria zusammengeschlossen, um weltweit endlich Gehör zu finden (…). Alles was sie wollen sind Schutzzonen, die Menschenleben retten, Flüchtlingen eine Rückkehr ermöglichen und der Opposition den nötigen Raum für den Aufbau einer neuen Ordnung bieten würden. Tatsächlich sind Schutzzonen der Schlüssel zu einer politischen Lösung in Syrien. Ohne sie keine Alternative zu Assad. Und ohne einen Übergang in Damaskus kein Sieg über den IS.“ (Seite 13)

 

In seinem spektakulären Buch Wer Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet (München 2015), analysiert Michael Lüders präzise die Fehler westlicher Politik im Orient.

 

Klappentext: „(…) Ohne den Irakkrieg von 2003 und die westliche Politik gegenüber Assad in Syrien lässt sich der Erfolg des „Islamischen Staates“ nicht begreifen. Eindrücklich zeigt dieses Buch, wie in der Region alles mit allem zusammenhängt und wie sich der Westen seine Feinde immer wieder selbst schafft.“

 

In seinem abschließenden Kapitel Die neue Weltordnung: Ein Ausblick schreibt der Autor: „Zunächst einmal sticht die große Kluft hervor zwischen den Freiheitsver-sprechen westlicher Demokratien und der breiten Blutspur, die sich durch den Orient zieht, als Ergebnis westlicher Militäroperationen, wirtschaftlicher Strangulierung, der engen Zusammenarbeit noch mit den übelsten Diktaturen, solange sie nur pro-west- lich sind“. (Seite 168)

 

und der Autor resümiert:

 

„Je eher wir begreifen, dass Millionen Menschen allein im Nahen und Mittleren Osten einfach nur zu überleben versuchen, umso leichter fällt es auch, ihnen beizustehen. Vor allem jenen, die zu uns kommen als Flüchtlinge. Helfen wir ihnen, hier Wurzeln zu schlagen, denn sie werden bleiben. Ächten wir Antisemitismus und Islamhass. Zeigen wir Härte denen gegenüber, die unsere Freiheit missbrauchen. Dazu gehören auch und vor allem diejenigen, die Wind säen und Sturm ernten, nicht allein im Orient. Der richtige Ort für sie ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. An dem Tag, an dem dort Anklage gegen die großen Verderber und Schreibtischtäter erhoben wird, oder wenigstens doch gegen einige von ihnen, allen voran Georg W.Busch, Dick Chaney, Tony Blair, Donald Rums- feld, hat sich das Wort von der „west-lichen Wertegemeinschaft“ tatsäch- lich mit Leben erfüllt.“ (S.174) (Hervorhebung von Norbert Herrmann)

 

 

Norbert Herrmann

30.11. 2015