Begrüßung von Seiten des Kunstvereins: 1.Vorsitzender Wolfgang Glass, Laudatio: Katharina Dück, 2.Vorsitzende.

Fotos: Gretel Kawohl-Herrmann

 

Erschaffe Dich selbst,

diesem Moto war die Ausstellung von 70 Künstlerinnen und Künstlern des Kunst-vereins gewidmet, die am Freitag 6.11.2015 in der Villa Böhm eröffnet wurde und bis 22.11.2015 geöffnet war.

 

Damit zeigt der Kunstverein Neustadt eine auserordentliche Vielzahl an aktiver Künstlerschaft, was außergewöhnlich ist, denn eigentlich sind Kunstvereine keine "Künstlerverbände", sonder historisch im 18/19.Jahrhundert dafür gegründet worden, um aktive KünstlerInnen zu fördern. Es waren also Laien, Bürger, die Kunst gegen die feudale Abhängigkeit von Künstlern ein Gegengewicht bilden wollten, um ihnen durch Publizität ein Einkommen zu ermöglichen. Also ein Akt der bürgerlichen Revolution gegen den Feudalismus, was zum Selbstbewusstsein der bürgerlichen Klasse im Kampf gegen den Feudalstaat beitragen sollte. Vom "bürgerlichen Selbstbewusstsein" ist heute eher im reaktionären Sinne wieder Kenntnis zu nehmen (Pegida), eine Geisteshaltung, die für die Tragödien des 20.Jahrhunderts gewiss mit ursächlich war. Wie auch immer, die Ausschreibung hieß:

 war

 

"Zeige mit deinem Werk, wer und wie du bist oder wie du sein willst, was deine Träume und Wünsche sind oder was dein Werk über dich aussagt", hieß es in der Ausschreibung.

 

Die Rheinpfalz rezensierte in ihrer regionalen Ausgabe (Mittelhaardter Rundschau vom 5.11.2015 ) in einem lobenswert umfangreichen Artikel von Holger Pöschl (mit  Fotografien von zwei Bildern, das eine von Emil Walker, das andere von Holger Wenz) die Ausstellung. Pöschl stellte zu recht fest, dass es etwas enttäuschend sei, wie wenig der Teilnehmer sich auf das vorgegebene Thema eingelassen hätten. Schränkte aber eingangs des Artikels ein, dass dieses Motto eher ein Gemeinplatz sei: "Welcher Künstler nähme das nicht ohnehin jederzeit für sich in Anspruch?"

 

Meine Wenigkeit wurde unter dem Label der "qualitativ sehr hochwertigen Arbeiten" von abstrakten Künstlern auch ggelobt, die es mit der Individualisierung eines Motos naturgemäß aber etwas schwieriger als andere künstlerische Aussagen hätten: "Aber ein Bezug zum Motto lässt sich eben nur über arge Umwege herstellen", meint 

 

 

Holger Pöschl. Da ist etwas dran, vorallem, wenn Protagonisten eh das selbe zeigen, was sie ansonsten auch ausstellen. Hier trifft der generelle Kritikpunkt zu, den der Redakteur gegen viele KünstlerInnen der Ausstellung erhebt. "Allzuviele", meint er, "bieten leider Business as usual." Das stimmt.

Nichts gegen Kritiken von Kritikern an Künstlern. Die ist in heutigere Zeit eher nötig als nicht, weil sich in letzten Jahrzehnten eher ein wohlwollender Kauderwelsch im Kunstbereich breitgemacht hat, der niemandem nützt. Qualifizierte Kunstkritik ist seit der Renaissance Bestandteil der Kunst im kulturellen Geschehen und nicht ihr "Gegenüber". Außerhalb der Gesellschaft - auch im globalen Sinne - gibt es kein "Gegenüber".

Aber in meinem Fall trifft Pöschl´s Kritik objektiv nicht zu. Da ist ihm wohl im "Eifer des Gefechts" eine wichtiges Detail meines Bildes entgangen. Was natürlich auch an der in diesem Falle etwas unglücklichen Hängung liegen kann - generell ist sie sehr gut konzipiert, was die Kunstlerkollegen Wolfgang Plathe und Gerhard Lämmlin mühevoll zusammen stellten (Danke!) - aber bei 70 Kunstwerken verschieder Kunst-richtungen ist das nicht verwunderlich. Trotzdem: Ich habe mich sehr wohl auf das Thema eingelassen! Im Folgenden werde ich das begründen:

 

Als Konstruktivist sich auf das Informel einzulassen ist wohl eher möglich als das umgekehrt wahrscheinlich ist. Das liegt in der Natur der Sache: Das Konstruktive versucht das Rationale des Menschen zu berücksichtigen, was nicht ohne Nachdenken geht, der informelle Gestus betont das Spontane an sich und meint damit etwas Wichtiges, was aber auch nicht alles in unserem Dasein ist. Davon zu "träumen" im Sinne des Mottos der Ausstellung, ist für einen Konstruktivisten wie mich, gewiss ein Akt der Ironie, aber auch der Freude: Macht Spaß! Das zu erkennen möchte ich natürlich keinem Kritiker zu muten, nicht in einer Gruppenausstellung von 70 Kolleginnen und Kollegen. Darum geht es nicht...

 

Worum es geht, ist die Frage der Grenzüberschreitung, die in der Kunst schon immer eine große Rolle spielte. Es gibt Gesetze der Kunst, zu deren Credo es gehört sie zu brechen. Bestandteil meiner Komposition ist nämlich ganz zentral ein QR-Code, was gewiss nicht jedem Kunstkritiker geläufig ist, was das sein soll. Jedem kundigen Menschen aber schon, einem Pöschl aber wahrscheinlich auch. Und so ließ ich mir sagen, dass einige Leute ihr Smartphon zückten, um den QR-Code zu identifizieren, - und kamen, wenn alles klappte, - just auf diese Homepage!

Entsprechend nannte ich mein Kunstwerk "Dynamisches Porträt", was einfach der Tatsache Rechnung tragen soll, dass sich auf meiner Internetseite viele Facetten meiner Individualität befinden, die sich auch in Zukunft (hoffentlich) weiter zeigen werden. Und was sich natürlich in einem Bild als Kunstwerk nicht völlig erschöpfen lässt. Vielleicht dachte der Autor der Geschichte "Das Bildnis des Dorian Gray" an ähnliche Aspekte der Selbstveränderung eines Porträts? 

 

Denn, wer diese Homepage wirklich betrachtet, wird eine Unmenge von Facetten künstlerischer, oft auch politischer, in jedem Fall autobiografische Aspekte meiner Existenz ermessen können, was viel von der Vergangenheit erzählt, aber gewiss in die Zukunft gerichtet ist. Mit einem Bild ist es für mich also nicht getan, für jeden, der dieses Kunstwerk in Zukunft "hat", ist auch immer mit meiner Vergangenheit und Zukunft verbunden. Als ob das kein Beitrag im Sinne des Themas der Ausstellung wäre? Wenn auch als Traum?

Na gut. Kunstkritiker sind auch Menschen, aber vielleicht sind sie auch einsichtig, so wie ich als Künstler gerne im Sinne der romantisch inspirierten Idee von der Gemeinsamkeit von Kunst und Kritik einsichtig sein möchte, wenn Kritik stichhaltig ist. Dazu muss sie natürlich auch genau hinschauen, denn bildende Kunst kann von sich aus als Medium, keine schlüssige Interpretation liefern, die natürlich immer ergänzungsbedürftig oder auch revisionsbedürftig sein wird. Was Giorgio Vasari in der Renaissance wohl ahnte und Gott sei es gedankt, wenn es ihn denn gibt, seinen Siegeszug bis heute als "Handbuch der Interpreten" angetreten hat und zu recht als Vater der modernen Kunstkritik gilt. 

 

Norbert Herrmann

11.11.2015