Solidarität mit der Redaktion von Charlie Hebdo und traurige Kondolenz für die insgesamt 17 Menschen, die dem feigen Mord der islamistischen Terroristen in Paris am 7.Januar 2015 zum Opfer fielen. 

 

Natürlich haben die Leitartikler Johannes Dieterich von der Rheinpfalz und Giovanni di Lorenzo von Die Zeit recht, wenn sie darauf hinwiesen, dass in der selben Woche im Norden Nigerias hunderte, wenn nicht tausende Menschen durch die barbarischen Überfälle von der islamistischen Terrortruppe Boko Haram umgebracht wurden. Während die Medien schier aller Welt die Pariser Ereignisse und auch die folgenden, riesigen und beeindruckenden Trauermärsche und Kundgebungen in Paris und vielen Städten Frankreichs - nicht zuletzt auch bei uns in Deutschland! - in Bild und Wort kommentierten, fanden die afrikanischen Greuel in der Weltpresse kaum Beachtung. Keine Frage, ein erschreckender Umstand...

(Siehe Rheinpfalz 16.Januar 2015 und Die Zeit 15.Januar 2015)

 

 

Hier nun eine tief bewegte Äußerung des ehemaligen Chefredakteurs von Charlie Hebdo, Philippe Val, der im Interview unter Tränen sagte: Ich habe heute alle meine Freunde verloren. (...) Es waren so lebendige Leute, denen es am Herzen lag. die Menschen zum Lachen zu bringen. Sie waren die Besten von uns. Sie wollten die Freiheit verteidigen, jetzt wurden sie ermordet, in einem unerträglichen Gemetzel. Wir dürfen jetzt kein Schweigen zulassen, der Terror darf nicht über die Lebens-freude, über die Meinungsfreiheit siegen. Das dürfen wir nicht zulassen. Was passiert ist, ist ein Kriegsakt. (...) Auch viele Muslime sind heute sicherlich am Boden zerstört. Vielleicht waren wir Medien nicht auf der Höhe. Wir haben nicht genug geredet über den Aufstieg der Islamisten in Frankreich, wir haben nicht rechtzeitig die Alarm-glocken betätigt. Es ist so schrecklich. Es wird ein Davor und ein Danach geben, unser Land wird nicht mehr das selbe sein.

(Der Spiegel Nr. 3, 10.Januar 2015, S. 24)

 

Für uns Künstler sollte es ein Muss sein solidarisch zu sein und jeder auf seine Weise, kann das tun. Für mich als Deutschen sind natürlich die Entwicklungen bei uns in erster Linie ausschlaggebend und so setze ich mich mit dem Extremismus in Deutschland auseinander, wie er sich in letzter Zeit in Demonstrationen gezeigt hat:

 

  

 

 

Wie Rosa Luxenburg sagte, heißt Demokratie die Freiheit der Andersdenkenden. Deshalb gilt uneingeschränkt das Demonstrationsrecht für Pegida, keine Frage. Allerdings sollte man zur Kenntnis nehmen, dass nach seriösen, soziologischen Untersuchungen (Heitmeyer u.a) 15-20% der Bevölkerung ein geschlossen antidemokratisches, faschistisches Weltbild haben. Wie die Generalsekräterin der SPD Yasmin Fahimi in Interviews mitteilte, sind sie und viel Abgeordnete mit familiärem Immigrationshintergrund aller Parteien verstärkt üblen Beschimpfungen ausgesetzt. Was von vielen fremdländisch aussehenden Deutschen und Ausländern aus ihrem Alltag bestätigt wird. Nicht zuletzt klagen jüdische Deutsche und dokumen-tieren Übergriffe, - ein Sklandal!  Das bedeutet, dass sich viele Antidemokraten, Rassisten und Antisemiten durch die Pegida-Bewegung ermuntert fühlen, nun aktiv zu werden. 

Erfeulich sind dagegen die mächtigen Gegendemonstrationen und Konzerte, die für eine "bunte Gesellschaft" auf die Straßen gehen. Siehe zum Thema Pegide ausführ-lich auch hier auf der Site zu meinen oblikatorischen, grafischen Jahreswechselgrüßen mein Eintrag mit dem Titel: Zwei Motive ein Gedanke.

 

 

 

 

Der Verleger Helge Malchow erinnert in seinem Artikel Nur nicht einknicken an den Mordaufruf gegen Salman Rushdie vor 26 Jahren, wegen dessen Romans Die satanischen Verse:

 

"Das war eine Art Startschuss für zahlreiche islamistisch inspirierte Greueltaten bis zu den Anschlägen vom 7.Januar in Frankreich. Diese Ursprungstat richtete sich nicht zufällig gegen ein Kunstwerk, denn die Freiheit der Kunst ist eine grundlegende Schranke, die Diktaturen von freien Gesellschaften unterscheidet: Kunst bedeutet autonome Fantasie, bedeutet mit der "Realität" zu spielen, zu übertreiben, zu erfinden, zu provozieren, zuzuspitzen. Kunst bedeutet Ironie, Satire, Zumutung, Witz, auch Boshaftigkeit. Kunst erfüllt keinen "Auftrag", weder der Macht noch der Moral, noch der Religion." (Hervorhebung von N.H.)            (...) Ein gespenstiger Nebeneffekt der Ereignisse war, dass Salman Rushdies großer, literarischer Text von Beginn an seiner ästhetischen Einzigartigkeit beraubt und einer rigorosen politischen Rezeption unterworfen wurde. Die blutigen Ereigniss der folgenden Jahre, die Ermordung des japanischen Übersetzers Hitoshi Igarashi sowie die Anschläge gegen den italienischen Übersetzer Ettore Capriolo und den so mutigen norwegischen Verleger Wiliam Nygaard, haben diesen Effekt noch verstärkt und damit indirekt der Kunstfeindlichkeit der Religionsfanatiker noch einmal bestätigt und dem Roman Schaden zugefügt.

Die Situation vor 26 Jahren war eine andere als heute. Es warteten noch keine ausländerfeindlichen Populisten, um die Ereignisse für ihre Ziele auszu-beuten (Hervorhebung von N.H.). Wir hatten nicht die spätere weltweite Serie von Attentaten und den global organisierten Islamismus nach dem 11.September 2001 vor Augen. Die damaligen Maßnahmen waren nicht falsch, bieten aber kein allgemeines Modell (...).

Wir haben uns bemüht, schneller zu reagieren, zum Beispiel 2013, als wir als Antwort auf die Fatwa gegen den iranischen Rapper und Lyriker Shadin Najafi seine Texte als Buch veröffentlichten (Wenn Gott schläft). Wir haben auch Günter Wallraff und andere unterstützt, als diese 1995 die skandalöse Entscheidung der Lufthansa kritisierten, Salman Rushdie aus Sicherheitsgründen nicht zu transportieren. Eine Erfahrung ist: Jedes Einknicken vor Drohungen wirkt als zusätzliche Ermutigung für diejenigen, für die "der Westen" eine dekadente, gottlose und daher schwache Zivilisation ist.

Die nötigen polizeilichen oder geheimdienstlichen Maßnahmen gegen Terror haben aber nur dann einen Sinn, wenn wir als Künstler oder Verleger jeder inneren Zensur widerstehen."

(Die Zeit, 15.Januar 2015, S. 42)

 

Norbert Herrmann

21.Januar 2015 

 

Die Aktualität des Dadaismus:

Hier nun ein lustiger Auszug aus einem Beitrag des Autors und Theatermachers Michael Herl, der für die Frankfurter Rundschau als Kolumnist dafür bekannt und berüchtigt ist, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Unter dem Titel "Treptinool" stellte er die Frage:

Warum sollte man mit Schwachköpfen reden? Allemal ist es doch besser, Unsinnigem mit Sinnlosem zu begegnen.

 

Herl erinnert sich in seiner Kolumne, wie er als 12, 13 Jahre alter Fußballer des FK Pirmasens seinem, wie er sagte, brutalen und strunzdummen Gegenspieler etwas Geheimnisvolles ins Ohr flüsterte, worauf dieser völlig verwirrt war und schlecht spielte. Das Geheimnisvolle hörte sich nach: "Frarohl endem häcksel mumpf" an und endete mit "Treptinool!"

Michael Herl fuhr fort: Dass ich damals mit meinen vermeintlich sinnlosen Sätzen in die Fußstapfen des in Pirmasens geborenen Dadaisten Hugo Ball (Hervorhebung von N.H.) getreten war, wusste ich derzeit natürlich nicht (...). Erst recht wusste ich damals nicht, dass der Dadaismus einst entstand, um sich Gehör zu verschaffen, wo man sonst nicht gehört wurde. Um sich aufzulehnen gegen Vderkrustungen und Eingefahrenheiten. Oder wo kein Dialog entstehen kann, weil das Gegenüber stur und stumpf ist. Das ist nun etwa hundert Jahre her, und es war immer gültig, und es ist immer wieder gültig.

      Zum Beispiel jetzt. Es ist wieder die Zeit, zu erkennen, dass es müßig ist, Schwachköpfe Schwachköpfe zu schimpfen. Und auch das Gespräch suchen, ist Kokulores. Wie mit Wänden reden? Statt dessen ist Unsinnigem mit Sinnlosem zu begegnen. Also gehet hin und lachet und albert. Tanzt, geigt, singt, trällert, furzt kunst, tanzt seil, hüpft sack, schnappt wurst, knaddelt, daddelt, prustet, dollt und und lustet. Und Euch allen, die ihr Euch in Eurer geballten Verbohrtheit Namen gebt, die auf "ida" enden, Euch rufe ich zu: "Finktul, pöftel umpf, rht, reslbagnetfulimmi, knobol rrrrrrreef akutlöftgnft, sboodt kölölölöl kl kl kl kl kl kl kl alttreftl, somolpü-püff"! So. Und nun sagt noch mal was von wegen "Lügenpresse". 

 

Michael Herl in

Frankfurter Rundschau

27.Januar 2015, S. 10 

 

 

Letzter Eintrag 27.01.2015,

Norbert Herrmann